DIE PREDIGTEN ÜBER (DEN PS.) „QUAM BONUS" io5
Not zu trösten und vor aller Entmutigung zu bewahren vermöch-ten.^Uberdies soll man Gott um die Gnade der Unterscheidungder Frommen von den Gottlosen, die sich in jenen Tagen für Pro-pheten ausgeben werden, sodann aber auch um die Gabe der Ein-sicht bitten, daß die äußeren Zeremonien, obschon an sich gut,ohne den inneren Geist der göttlichen Liebe und vollkommenenReue keinen Heilswert haben, denn es steht geschrieben, daß wirnicht aus Gesetzeswerken, d. h. nicht aus Zeremonien und äußerenLeistungen gerechtfertigt werden 131 . Aus diesem Geiste der gött-lichen Liebe entspringt dann jene wahre Armut und EinfaltChristi und Verachtung der irdischen Dinge, die dem Christenbeim etwaigen Verluste seiner Habe und selbst seiner Familie undKinder die nötige Fassung und Ergebung in Gottes Willen be-wahrt.
Durch seine eifrige, volkstümliche Predigt hatte Hieronymuseine anhängliche Gemeinde frommer Gläubigen um sich geschart,die er nicht nur durch den frischen Born seines lebendigen Wor-tes, sondern auf ihre Bitten auch durch mancherlei erbaulicheSchriften erquickte. So verfaßte er ein Büchlein „Über dasWitwenlebe n", das 1491 bei Franz Bonaccorsi zu Florenzim Drucke erschien 132 . Wieder griff er in den Schatz der HeiligenSchrift, in deren Bahnen er wandeln zu wollen erklärte. Am Bei-spiele der heiligen Witwen, besonders der neutestamentlichenProphetin Hanna 133 , erhärtete er den Vorzug des Witwenstandesvor dem ehelichen. Zwar kann sich die Witwe ohne Sünde aufsneue verheiraten. Tut sie es aber, so unterliegt sie, falls sie nichtetwa in ihrer Jugend oder in anderen triftigen Gründen eine Ent-schuldigung hat, selbst in den Augen der Welt dem Tadel. Abernur der wahren Witwe, die ihre Reinheit nicht bloß dem Leibe,sondern auch der Gesinnung nach treu bewahrt, gebührt Ehre undLob; nur jener, die, wie einst Hanna, Tag und Nacht im Tempelweilt, der Turteltaube gleich einsam in ihrer Trauer um den hin-geschiedenen Gatten. Ängstlich hütet sie sich vor allem verdäch-tigen Umgange, ganz besonders nimmt sie sich aber vor Priesternund Mönchen in acht, denn von ihnen droht ihrer Tugend dieschwerste Gefahr, weshalb sie auch in der Wahl ihres Beichtvatersdie größte Vorsicht walten läßt. In ihren Bußübungen und Kastei-ungen muß sie zwischen dem Zuviel und Zuwenig die rechte Mittezu halten wissen. Sie benütze keine wollüstigen Gerüche, auch