FREUNDSCHAFT MIT PICO (VON MIRANDOLA) 97
nicht nach der Freundschaft der Großen trachten, nicht denganzen Tag mit Besuchen bei Frauen verbringen und Rosenkränzeund Bilder austeilen. Dafür aber wird Christus vor ihnen wieeinst auf Tabor vor seinen Aposteln verklärt werden, denn siewerden viele Offenbarungen haben, und zwar nicht in den Streit-fragen des Duns Scotus und in den Eitelkeiten der Verskunst,wohl aber im Alten und Neuen Testament beschlagen sein. Vonihnen wird es heißen wie vom Bräutigame im Hohenliede (1, 15):„Siehe, schön bist du, mein Geliebter!" Eine leuchtende Wolkewird wie die Jünger auf Tabor auch sie umfangen, und es wirddie Stimme des himmlischen Vaters ertönen: „Dies ist mein ge-liebter Sohn." Und doch wird man wie einst auf Tabor nurJesum selbst sehen, weil sie eben nur ihn im Herzen tragen, nurihn predigen werden.
Mit solchem Eifer und Ungestüm oblag Hieronymus der Predigt,daß es ihm die Brust zu zersprengen drohte 72 . Schon sprach mandavon, daß es ihm wie dem Franziskaner Bernhardin von Feltregehen werde, der wenige Jahre zuvor (1488) gegen die Juden auf-getreten und deshalb aus der Stadt gewiesen worden war 73 . WennSavonarola nicht gleichfalls vom Damoklesschwerte der Verban-nung betroffen wurde, so hatte er dies wohl nur der einflußreichenFürsprache des Grafen Pico von Mirandola zu danken, der, durchdie trübeii Erfahrungen der letzten Jahre von aller Weltlust ge-heilt, unter dem mächtigen Eindrucke seiner Predigt wie seinespersönlichen Umganges einer seiner treuesten Jünger gewordenwar. Wie Hieronymus, so führte Pico das Wort des heiligen Franzim Munde: „Der Mensch weiß soviel, wie er arbeitet 74 ." Wie Hiero-nymus vertiefte sich Pico in die Betrachtung des Leidens undSterbens Jesu und der letzten Dinge. Wie Hieronymus die Ehe ausLiebe zur Freiheit verschmäht hatte, so tat es Pico. Wie Hiero-nymus, so gab Pico auf die äußeren Zeremonien wenig, um somehr aber auf die innere Gottesliebe. Wie Hieronymus, so hegtePico die höchste Verehrung für die Heilige Schrift, deren Erklä-rung er sich aufs eifrigste angelegen sein ließ, und deren Lesunges seinem Neffen Johann Franz wärmstens empfahl 75 . Wie Hiero-nymus, so hielt Pico den Verzicht auf irdische Güter für die Vor-aussetzung einer ernsthaften Nachfolge des armen Lebens Christi.'Daher verkaufte er 1491 seine herrlichen Besitzungen um einenSpottpreis an seinen Neffen und gab seinem Freunde Hieronymus
7 Schnitzer, Savonarola