PREDIGTEN ÜBER JEREMIAS g5
aus, die er über die Unbußfertigen verhänge; wieder schloß eraus der Überhandnähme aller Sünden auf die Nähe des Endes:„Wir sind die Hefe der Christenheit," klagte er 69 , „in den letztenund schmerzlichsten Zeiten geboren. Alle geistige Schönheit, alleTugend, alles Licht, alle Liebe, alle Hoffnung ist erloschen, undnichts ist uns mehr übrig geblieben als die Zuflucht zum Erlöserund seiner jungfräulichen Mutter."
Wie schon mit seiner Auslegung der Apokalypse, so erregteSavonarola nun auch mit seinen Predigten über Jeremias hef-tigsten Anstoß. Der Widerspruch war so allgemein, der Hohn undSpott aller Art von Menschen so bitter, daß er den Mut verlorund seine Predigtweise zu ändern beschloß 60 . Es gelang ihm nicht.Zu sehr hatte sich seine Seele in den Geist der Propheten hinein-gelebt, als daß er sich nun mit einem Male loszureißen vermochthätte. Was er auch sonst zu lesen oder zu studieren begann — es-kam ihm schal und matt vor. Sooft er etwas anderes zu predigen Iversuchte — es mißlang und mißfiel ihm. Schon hatte er eine'Predigt über solche Gesichte für den zweiten Fastensonntag 81 aus-gearbeitet, als er sich entschloß, sie zu unterdrücken und überderlei Dinge überhaupt nicht mehr zu reden. „Gott ist mein Zeuge,"berichtet er selbst 62 , „daß ich den ganzen Samstag vorher sowiedie volle Nacht bis zum Tagesanbruch schlaflos verbrachte. Alleinso sehr hatte ich mich bereits in jenen Gegenstand hineinvertieft,,daß mir schlechterdi ngs nichts anderes einfiel . Als ich nun beimMorgengrauen, vom langen Wachen ermüdet, dem Gebete oblag,,vernahm ich die Stimme: ,Du Tor, siehst du denn nicht, daß esGottes Wille ist, daß du in deiner Predigtweise fortfährst?'" Undso hielt er denn am selben Morgen jene „schreckenerregende Pre-digt 63 ", in der er unter Berufung auf den Ausspruch des Pro-pheten 64 : „Siehe, ich will solche Trübsal über diesen Ort bringen^daß jedem, der davon hört, die Ohren gellen werden, darum, weilsie mich verlassen und diesen Ort zur Fremde gemacht haben",den Zuhörern vorhielt 65 , daß, wie einst die Juden, so nun auchsie den fremden Göttern opferten, indem sie die kirchlichen Feiernnicht um Gottes, sondern nur um des Geldes willen begingen, diekirchlichen Würden und Pfründen bis hinauf zum Episkopatenur um des Geldes und der Versorgung willen erstrebten 66 , nurum des Geldes willen neue Altäre und neue Marien aufstellten.Zwar geht das Sprichwort: „Selig das Haus, das einen Geweihten*
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