PREDIGTEN ÜBER DEN ERSTEN JOHANNESBRIEF 93
Wort verhallte nicht mehr ungehört wie damals. Man horchte auf,man fühlte sich getroffen, man murrte immer lauter, je dichter dieHiebe niederprasselten 10 . Namentlich waren es die Vornehmen, diesich über ihn ärgerten und ihm zu verstehen gaben, er möge sichnicht zu weit vorwagen und einen gewissen Punkt nicht berüh-ren". Auf der anderen Seite gab es Leute genug, die, mit der Herr-schaft der Medici und ihrer Sippe längst unzufrieden und an einerBesserung der Verhältnisse auf dem gewöhnlichen Wege verzwei-felnd, die von ihm in Aussicht gestellte Umwälzung aller Dingefreudig begrüßten und in ihm ihren Mann sahen; daher ward ervielfach „der Prediger der Verzweifelten" genannt 42 . Nicht wenigerhielten sich die Dichter und Astrologen, überhaupt die Weisen die-ser Welt über seine alles philosophischen Beiwerkes und künst-lichen Aufputzes bare, einfältige Predigtweise auf und wundertensich, daß er sich nicht gleich anderen Kanzelrednern mit gelehrtenStreitfragen abgab. So nahm er denn im Gebete seine Zuflucht zumHerrn mit der Klage: „0 Herr, wird es wohl jemals möglich sein,daß diese Sucht nach Streitfragen erlischt und dem Verlangennach der Erleuchtung und Auslegung der Heiligen Schriftweicht 43 ?" Selbst im Kreise seiner Schüler und Mitbrüder stieß erauf Widerstand. Als Silvester Maruffi bei seiner Rückkehr vonS. Gemignano, wo er gepredigt hatte, von Savonarolas Prophetienvernahm, war er ungehalten hierüber und verteidigte ihn nur mitder Zunge, nicht mit dem Herzen, überzeugt, dies sei nichts alsein Blendwerk des Teufels. Er scheute sich nicht, seinem ehe-maligen Lehrer ins Gesicht zu sagen, er scheine den Verstand ver-loren zu haben 44 . So hatten die einen dies, die anderen jenes aus-zusetzen 45 , wenn auch seine Predigt bei einfältigen Seelen nichtohne Frucht blieb 46 . Die Meinungen über ihn gingen weit aus-einander. Bald ward er als ein ehrlicher und aufrichtiger, dannwieder als ein schlauer und durchtriebener Mensch angesehen.Viele hinwieder glaubten, er hänge trügerischen und törichtenGesichten nach — wie man einst ja auch von Christus sagte: „Erist gut", während ihn andere beschuldigten, daß er das Volk ver-führe 47 .
Savonarola ließ sich nicht irremachen. In den (19) „Predig-ten über den ersten Johannesbrief 48 , die er vonAllerheiligen 1490 bis Epiphanie 1491 hielt 49 , geißelte er mit rück-sichtsloser Strenge die florentinischen Erblaster, besonders Hab-