BRIEF AN DIE MUTTER 85
hielt. Hier richtete er am 25. Januar 1490 einen herzlichen Briefan seine Mutter", in dem er ein anschauliches Bild seinesLebens und Strebens während der Jahre entwarf, die seit seinerRückkehr aus Florenz verstrichen waren, einer Spanne Zeit, überdie wir sonst keine Nachricht besitzen; das Schreiben, wichtigschon als Zeugnis seiner innigen Kindesliebe, ist daher auch als ge-schichtliche Quelle von größtem Werte. „Ich weiß, verehrte Mut- i^-^pjtter, schrieb er an sie, Ihr wundert Euch, daß ich so lange nichtsvon mir hören ließ. Dies geschah aber nicht etwa, weil ich Euchvergessen hätte, sondern weil mir kein Bote zur Verfügung stand.Denn die ganze Zeit über war mir niemand zur Hand, der vonBrescia nach Ferrara gegangen wäre; erst nach Weihnachten trafeiner von den Unsrigen hier ein, doch war ich eben damals so sehrmit Arbeit überhäuft, daß ich ganz vergaß, Euch zu schreiben,was mir sehr leid tat. Als dann später Bruder Jakob von Pavia, dervorige Prior des Klosters von den Engeln, zu uns kam, berichteteer mir von Euch, Ihr beklagtet Euch, daß ich nicht schreibe, wor-auf ich ihm erwiderte, es fehle mir an einer Beförderungsgelegen-heit, denn der Weg von Brescia nach Ferrara sei zu abgelegen undein zuverlässiger Bote nicht leicht zu haben. Er sagte mir nun,wenn ich nach Genua gehe, so könne ich in Pavia jeden Tag Botenhaben, ich möge daher von Pavia aus schreiben. Im Auftrage mei-ner Oberen muß ich nämlich diese Fastenzeit zu Genua predigen,und da ich nun in Pavia angelangt bin, so schreibe ich Euch, wieich mir vorgenommen habe, und teile Euch mit, daß ich michwohl befinde, zufrieden, was den Geist betrifft, und körperlich ge-sund, wenn ich auch vom Wege ermüdet bin und noch einen lan-gen Marsch bis Genua habe. Sonst weiß ich Euch nichts mitzu-teilen, als daß ich, wenn ich mich recht besinne, von Euch, seitich Euch das letztemal sah, keinen Brief noch sonst eine Nach-richt erhielt, außer durch den erwähnten Bruder Jakob. Aber ichkann mir leicht vorstellen, daß Ihr in Kummer und Sorge seid,und deshalb bete ich unaufhörlich zu Gott, soweit es meine schwa-chen Kräfte vermögen. Sonst aber kann ich nichts für Euch tun.Könnte ich Euch auf andere Weise unterstützen, ich täte esgerne" .. . Ihr dürft Euch, meine geliebteste Mutter, nicht grämen,wenn ich mich von Euch entferne und von einer Stadt in die an-dere ziehe, denn das alles tue ich um des Heils vieler Seelen wil-len, predigend, ermahnend, beichthörend, lehrend und ratend, und