VERSETZUNG NACH FERRARA 83
Feuer der Liebe von ihm auf empfängliche Herzen über und ent-flammte auch sie, und „Männer und Frauen weinten, wenn er vonihnen schied."
So wohl sich aber Hieronymus in seiner seelsorgerlichen Tätig-keit fühlte, so war doch etwas, was ihn auf Schritt und Trittdrückte und hemmte. Solange er zu Ferrara inmitten seiner Lands-leute und Altersgenossen lebte, glaubte er das volle Ansehen nichtzu genießen, das ihm zu einer freimütigen Ausübung seines erha-benen Berufes unerläßlich erschien. Es schmerzte ihn, beobachtenzu müssen, daß man auf seine Worte nicht viel gab. Oft hörte eres in seine Ohren hinein, wie man seine Wanderungen von Ort zuOrt mit der hämischen Bemerkung begleitete: „Unsere Mönchemüssen großen Mangel an Leuten haben", wenn sie nämlich einenso armseligen Menschen zu so hohen Dingen verwenden. Er über-zeugte sich von der Wahrheit des Satzes, daß kein Prophet ange-sehen sei in seiner Heimat. Wie es einst von Christus, als er in Na-zareth predigte, hieß: „Ist dies nicht der Zimmermann und einesZimmermanns Sohn und das Kind der Maria 4 ?", so werde man,fürchtete er, auch von ihm sagen: „Ist dies nicht jener MeisterHieronymus, der die und die Sünden beging und gerade so warwie wir? Wir wissen wohl, was an ihm ist." Mit Freuden begrüßteer es daher, als er von seinen Oberen nach Brescia versetzt wurde.Mit der Bibel und dem Breviere im Ranzen, den derben Knoten-stock in der Hand, pilgerte er frohen Mutes dem Norden zu. Wie-derum galt es, Abschied von den Seinigen zu nehmen, von seinenGeschwistern und Anverwandten, namentlich von seiner untröst-lichen Mutter. Sie hatte, seitdem er sich ins Kloster geflüchtethatte, ihren Mann durch den Tod verloren 6 und stand nunmehrmit ihren Kindern fast mittellos da. Ihr Gatte Nikolaus hatte inseiner übertriebenen Gutmütigkeit infolge verschiedener Bürg-schaften so ziemlich sein ganzes Vermögen eingebüßt 6 und seineWitwe in den dürftigsten Verhältnissen hinterlassen. Welche Er-leichterung wäre es für die arme Frau gewesen, wenn Hieronymusehedem seine medizinischen Studien fortgesetzt und sich dann alsArzt unter seinen Mitbürgern niedergelassen hätte, um mit demalten Ruhme, den einst der Großvater weit und breit genossen,auch dem wirtschaftlichen Wohlstande des Hauses Savonarolaneuen Boden zu schaffen! Selbst jetzt, da er das Kleid des heiligenDominikus trug, vermochte er ihr mit Rat und Tat beizustehen
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