V. Kapitel.
DIE RÜCKKEHR NACH FLORENZ.DIE ANFÄNGE DER PROPHETISCHEN PREDIGT.
Da Hieronymus durch seine Versetzung nach Florenz im Jahre1482 an der Vollendung seiner Studien zur Vorbereitung auf dasLehramt behindert worden war, so lag die Annahme nahe, er seivon seinen Obern nunmehr angehalten worden, sie zum Ab-schlüsse zu bringen, um dann im theologischen Unterrichte Ver-wendung zu finden. Wirklich beriefen sie ihn denn auch nachFerrara zurück, nicht jedoch zur Fortsetzung seiner Studien, son-dern zur Ausbildung in der Predigtkunst, zu welcher er so vielverheißende Anlagen gezeigt hatte. Die Kanzel und der Beichtstuhlbildeten nunmehr die Stätten seiner seeleneifrigen Tätigkeit. Daer sich nun einmal, wie er selbst erklärte 1 , aus Liebe zum Erlöserzum Sklaven gemacht und seiner Freiheit begeben hatte, so suchteer in allen Dingen nur den Ruhm der Freiheit der Kinder Gottesund bemühte sich aus allen Kräften, ihm zu dienen, ohne sich umirdischer oder fleischlicher Liebe willen den Anstrengungen zuentziehen. Aus Liebe zu ihm war er gerne in seinem Weinbergetätig, in verschiedenen Städten, um nicht nur seine eigene Seelezu retten, sondern auch die seiner Nebenmenschen, aus Furcht,dem Gerichte Gottes zu verfallen, wenn er anders handelte, undim Bestreben, die ihm verliehenen Gaben dem Willen Gottes ge-mäß zu verwenden 2 . Gelegentlich einer seiner apostolischen Wan-derzüge traf er auf einer Kahnfahrt von Ferrara nach Mantua mitachtzehn Soldaten zusammen, die er, als sie sich beim Spielen un-flätiger Ausdrücke bedienten, so eindringlich zurechtwies, daß sichihm elf von ihnen zu Füßen warfen und reumütig ihre schwereVerirrungen beichteten 3 . Wie dieser Vorfall zeigte, lag etwas inseinem Wesen, was die Menschen packte. Sie fühlten es, dieserMann predigte nicht gleich so vielen anderen nur gewerbsmäßigüber die Religion, sondern lebte sie selbst und ging in der Liebe zuGott und dem Nächsten auf, die er empfahl; und so sprang dieses,