DIE ERSTEN PREDIGTEN 7 g
forderungen zurück, wie sie die verwöhnte Großstadt an ihreKanzelredner stellte. Er richtete damals, wie er später selbst an-gab, nichts aus und vermochte „auch nicht eine Henne vom Fleckezu locken 51 . Die Leute kehrten ihm den Rücken, kaum fünfund-zwanzig Personen 55 , Frauen und Kinder mit eingerechnet, bliebenihm treu. Es wird sogar berichtet, er habe, durch sein Ungeschickvöllig entmutigt, den Entschluß gefaßt, sich von der Kanzel gänz-lich zurückzuziehen und nur mehr dem Lehrstuhle zu leben 58 .Gleichwohl muß man sich hüten, diesen anfänglichen Mißerfolgzu übertreiben. An die späteren großartigen Triumphe gewohnt,waren Hieronymus und seine Freunde später geneigt, jene erstenAnfänge als möglichst armselig hinzustellen und die nachherigeauffällige Wandlung zum Besseren als das Werk Gottes, als einwahres Wunder zu betrachten 57 . So bescheiden seine ersten Er-folge gewesen sein mögen, so müssen sie sich doch zusehends ge-bessert haben, da er schon während der Fastenzeit 1483 nichtnur wieder bei den „Eingemauerten", sondern auch in Or San-michele, im Frühjahre 1484 sogar in S. Lorenz, der mediceischen !Hofkirche, in der sich die Spitzen der Gesellschaft einzufindenpflegten, auftreten durfte 58 . Was die Studenten so unwiderstehlichanzog, das machte auch auf die Gläubigen den stärksten Eindruck,die Anwendung der biblischen Aussprüche auf die Verhältnisse derGegenwart, ein Verfahren, dessen er sich um so zuversichtlicherbediente, je bedrohlicher das Verderben der Christenheit anwuchs.Es war im Jahre 1483, daß er eines Tages den Bruder ThomasStrada ins Nonnenkloster S. Georg begleitete, wo dieser seineSchwester besuchte. Während er nun im Gotteshause die Rück-kehr seines Genossen abwartete, in Gedanken mit dem Entwürfeeiner Predigt beschäftigt, fielen ihm etwa sieben Gründe dafürein, daß der Kirche eine schwere Züchtigung durch Gott bevor-stehe, und von da an ließ er nicht mehr ab, über diese Dinge nach-zusinnen und die Heilige Schrift auf sie hin zu durchforschen 59 .Aus den Propheten entnahm er, daß Gott seinem Volke, so ofter ihm zürnte, gute Herrscher und fromme Priester entzog undschlechte Obrigkeiten zuließ, und daß die Frevel der Priester umso mehr zunahmen, je näher die göttlichen Strafgerichte waren.Nun aber schrien die Sünden der Klerisei, wie Hieronymus mitGrauen gewahrte, zum Himmel; also mußte sich seiner felsenfestenÜberzeugung gemäß auch das Wort des Propheten erfüllen: „Deine
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