Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
77
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BRIEF AN DIE MUTTER 77

viel höheren Sinne erhört ist; steht es doch um das Heil EurerSeele, das mir vor allem am Herzen liegt, desto besser, je mehrsie sich von aller Anhänglichkeit an diese Welt befreit. Euer Er-löser züchtigt Euch häufig, um Euch aus dem schweren Schlafe,in dem Ihr lange Zeit, da Ihr das Gegenwärtige mehr als dasKünftige liebtet, versunken wäret, aufzuwecken. Liebe Mutter,das sind Stimmen vom Himmel, die wie Pfeile in Euer Herzdringen und laut schreien, um Euch zur Liebe Jesu einzuladen.Glaubet mir, liebe Mutter, Schwestern und Brüder, unser süßesterJesus ruft hinter uns her: Kommt in mein Reich! Vom Anfangebis zum Ende der Welt lebte noch nie ein Knecht Gottes ohneVersuchung, Verfolgung und Trübsal. Vor wenigen Tagen stürzteein junger Mann, schön, frisch und gesund, zur Verwunderungaller im hiesigen Dome tot zur Erde nieder. Eine junge Sängerin,mit ihrem wunderbaren Gesänge und der Süßigkeit ihrer Stimmedas Entzücken der ganzen Stadt Florenz, starb an der Geburt undbüßte so ihre Sünde, zum großen Schmerze der Vornehmen. Hättesie" den Weg befolgt, den ich ihr weisen wollte, es hätte ein an-deres Ende mit ihr genommen. Was hat sie nun von ihren Freu-den? Verklungen sind die Melodien. Seht Ihr nicht, daß alleswie der Wind verweht? Wenn Ihr sprecht: es ist eine Schande,arm zu sein, so antworte ich: niemand darf sich schämen, Christusund der seligen Jungfrau zu gleichen. Hier auf Erden ist unseresBleibens nicht lange, das künftige Leben aber währt ewig.O meine geliebte Mutter, wenn wir so recht bedächten, daß wirFremdlinge auf Erden sind und entweder dem Himmel oder derHölle entgegenwandern, so würden wir uns aus der Welt nichtsmachen. Sorgt Euch nicht um Eure Töchter! Habet acht, daß siefleißig dem Gebete, dem Fasten und heiligen Predigten obliegeiTals Bräute Christi; denn das können sie sein, wenn sie auch nichtim Kloster sind. Ich bitte Euch also, meine lieben Schwesternund geistige Töchter Beatrix und Klara, widmet Euch gänzlichdem Gebete und lasset alle irdische Eitelkeit, nicht nur demWerke, sondern auch dem Gedanken nach! Betrachtet den Er-löser und sein Leiden, meidet die Gesellschaft der Männer, EuerHerz sei nur bei Christus! Bleibt in Liebe mit Eurer Mutter ver-eint und dient ihr in Armut, er wird Euch nicht verlassen. DerHeilige Geist spricht durch den Mund des heiligen Paulus:Werheiratet, sündigt nicht, wira" aber Trübsal erleiden", wie Ihr an im-