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1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
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76 S. MARCO. DIE ERSTE FLORENTINISCHE WIRKSAMKEIT

pflückte er behutsam mit den äußersten Fingerspitzen das zartesteBlümchen ab mit den Worten: ,Wo ist denn nun der Maler unterden Sterblichen, wo der Künstler, der imstande wäre, auch nurein solch armseliges Blümchen hervorzubringen! Wie gering istalso alle geschöpfliche Macht, die schon in den niedrigsten Ge-schenken der Natur so gänzlich versagt! Wie unermeßlich ist da-gegen Gottes erhabene Kraft, die aus dem Nichts Dinge zu schaf-fen vermag, welche dieses Pflänzchen an Würde unendlich über-treffen 48 !' Daran pflegte er dann eine mystische Erklärung derverschiedenen Farben zu knüpfen und die Schönheit und denSchmuck der Seele daran zu erläutern. Richtete er im Schweigender Nacht das Auge nach dem funkelnden Sternenhimmel, sobrach er in die Worte aus: ,In königlicher Pracht erstrahlt derhimmlische Palast schon nach außen, welcher Glanz, welch blen-dende Herrlichkeit muß dann erst im Innern walten! Wie er-haben, wie selig müssen sie sein, die hier Heimat und Bürger-recht haben! Und wie hoch steht über allen nun erst gar derHerr und König des Himmels! Dahin, dahin lasset uns eilen, da-hin all unser Sinnen und Trachten richten, wofür wir unserelieben Eltern und Verwandten, der Gespielen traute Schar, Vater-land, Ämter und Würden und endlich uns selbst verlassen haben."Noch mehr als sein Wort wirkte sein Wandel. Man beobachtetein S. Marco sein Tun und Lassen mit Luchsaugen und entdecktenichts Tadelnswertes an ihm. Immer wieder hatte man Anlaß,seine vorbildliche Gewissenhaftigkeit in Einhaltung der Ordens-regel, seine heiße Liebe zur Armut, seinen willigen Gehorsam,seine kindliche Reinheit, seine entsagungsvolle Selbstbeherrschungund Nüchternheit, seine ungeheuchelte, innige Frömmigkeit, seineaufrichtige Demut und Bescheidenheit, seine unermüdliche Arbeits-lust zu bewundern. Keine Tugend gab es, in der er sich nichtauszeichnete; in jeder schien er sich selbst übertreffen zu wollen.So genoß er vom ersten bis zum letzten Tage seines Aufenthaltesdie ehrfurchtsvollste Hochachtung seiner Mitbrüder 49 . Einen tiefenEinblick in sein Inneres eröffnet uns ein längeres Schreiben, wel-ches er am 5. Dezember 1485 auf die Nachricht vom Tode seinesOnkels Borso, des Bruders seiner Mutter, an diese richtete.Wennich", schrieb er ihr 50 ,in meinem Herzen bedenke, wie die Vor-sehung unser Haus um so mehr mit Schlägen heimsucht, je mehrich für es bete, so überzeuge ich mich, daß mein Flehen in einem