60 FLORENZ BEI ANKUNFT SAVONAROLAS
Marsuppini, der gefeierte Humanist und florentinische Kanzler,aus seinem Unglauben kein Hehl. Er verweigerte den Empfang derSterbsakramente und schied wie ein Heide aus dem Leben, wasnicht hinderte, daß er mit vollem kirchlichen Gepränge bestattetwurde, das selbst der Papst durch Übersendung einer Fahne aus-zeichnete 87 .
Am deutlichsten traten aber die Verheerungen, die der Humanis-mus anrichtete, im Bereiche der geschlechtlichen Sittlichkeit zu-tage. Mußte schon das wüste Sinnenleben mancher HumanistenAnstoß erregen, so stempelten sie ihre Schriften durch die schmut-zigen Äußerungen und Schilderungen, in denen sie sich gefielen, zueiner Schule des Lasters, und eröffneten der geschlechtlichen Zü-gellosigkeit Tür und Tor 88 . Florenz, Siena und Neapel, Hauptsitzedes Humanismus, waren auch Hauptsitze der Liederlichkeit 89 . Ineinen wahren Abgrund sittlicher Verworfenheit ließ Anton Becca-delli in seinem um 1425 veröffentlichten, Cosimo Medici gewidme-ten „Hermaphrodit" blicken, einer Schrift, die nicht etwa nur demVerfasser selbst, sondern auch dem Humanismus als solchem zurLast fiel, da seine berufensten Vertreter, wie Poggio Bracciolini undsogar der „christliche" Humanist Guarino, ihre Verteidigung über-nahmen; Bischof Bartholomäus von Mailand tat dem Dichter sogarsein „unglaubliches Verlangen" kund, sie zu lesen 90 . Wenn auchdie Minorften nicht säumten, die Gläubigen vor dem schändlichenBuche zu warnen, und es durchsetzten, daß Eugen IV. die Lesermit dem Banne bedrohte, so erreichten sie doch nur das Gegenteilihrer Absicht, da sie eben hierdurch die weitesten Kreise auf dieSchrift erst recht aufmerksam machten. Noch empörender aber alsselbst die verführerische Schilderung der niedrigsten Ausschwei-fungen war die Keckheit, mit der der Verfasser die Päderastie ganzso verherrlichte, als wären solche Dinge die selbstverständlichstenGegenstände des Witzes und der heiteren Laune. War sich dasMittelalter bei aller noch so leidenschaftlichen Sündigkeit dochimmer noch seiner Gegensätzlichkeit wider göttliches und kirch-liches Gebot bewußt geblieben, so tat er, als ob es derlei für ihnüberhaupt nicht mehr gäbe, und nahm ein förmliches Recht despersönlichen Sichauslebens in Anspruch. Dominikus BenivieniKanonikus bei St. Lorenz in Florenz, faßte die religiös-sittlichenVerhältnisse unter Lorenzo in der Erklärung zusammen, viele seiendamals dem Wahne ergeben gewesen, alles geschehe aus Zufall oder