FRÖMMIGKEIT DER MITTLEREN STÄNDE 61
hänge vom Laufe der Gestirne ab. Viele leugneten ein künftigesLeben und lachten über den Glauben an Christus, sogar Frauenleugneten die Lehre Christi. Männer wie Frauen huldigten heidni-schen Bräuchen und Sitten. Aus diesem heidnischen Wesen, so be-merkt Benivieni weiter, entsprang das schlechte Leben der Leute,so daß schließlich nicht einmal mehr die Gesetzeskundigen wuß-ten, worin denn eigentlich das christliche Leben bestehe. Mansuchte es in kirchlichen Bräuchen und äußeren Werken, die Prie-ster und Mönche priesen und verherrlichten, da sie Vorteil undRuhm daraus zogen. Die ganze Stadt war wie von Unglauben, sovon Wucher, Spiel, Sodomie und anderen Gottlosigkeiten voll 01 .
So offenkundig nun auch die sittliche Fäulnis war, die am Markeder vornehmen florentinischen Gesellschaft fraß, so war die Lagedoch noch nicht hoffnungslos, obschon freilich Gefahr im Verzugelag. Noch waren wenigstens die mittleren und unteren Schichten /^ i *r> * r /der Bevölkerung dem kirchlichen Glauben treu geblieben. Die ein- . ".
fachen Handwerker und Landbewohner, ebenso die weitaus über- .wiegende Mehrheit der Frauenwelt waren noch immer Träger 2 Ay Topeiner kernhaften Frömmigkeit, und selbst in den ersten Häusernder Stadt fehlte es keineswegs an tiefen Seelen, die nach nahr-hafter Speise begehrten und einen gründlichen Wandel der verrot-/ 5 '?teten Verhältnisse ersehnten 02 . Man sah ein, so wie bisher konnte -&v,v#«>vW*<es unmöglich weitergehen. Durch die kirchliche Predigt seit Jahr-hunderten in der unerschütterlichen Überzeugung erzogen, daßzwischen sittlichem Verhalten und Natur- wie Weltgeschehen dieengste Wechselwirkung obwalte, und daß Gottesfurcht ebenso Got-tes Huld in Gestalt irdischen Wohlergehens, wie Gottlosigkeit Got-tes Zorn in Form länderverwüstender Kriege, Erdbeben, Hungersnöte und Seuchen nach sich ziehe, vermochte sich das schlichteVolk banger Besorgnis nicht zu erwehren. Es fühlte sich angesichtsdes allgemeinen Verderbens, das bis in die höchsten Würden derChristenheit hinaufreichte, von einem tiefen Schuldbewußtseindurchdrungen und an die Zeit der Sündflut gemahnt, ,,da allesFleisch seinen Weg verkehrt hatte 03 ". Es ahnte, daß sich etwasGroßes, Furchtbares vorbereite, daß unerhörtes Wehe im Anzügesei. In Wundern, auffälligen Naturereignissen und Unglücksfällenerblickte man uralter Anschauung gemäß die sicheren Anzeichengöttlicher Heimsuchung 94 . Mit Entsetzen vernahm man, wie hierein Kreuz schwitzte, dort ein Blutregen stattfand, dann wieder die