FICINO, POLIZIANO UND PICO (VON MIRANDOLA) .59
trug 77 . Ähnliches ließ sich von Marsilius Ficinus sagen, von demman im Zweifel sein konnte, ob er mehr als Jünger Piatons oderals Bekenner Christi anzusprechen sei. Er stellte Christus und So-krates ganz auf dieselbe Stufe 78 und trat allen Ernstes dafür ein,daß man die platonische Philosophie als heilige in den Kirchenlesen und erklären solle 79 . Wie mit platonischen Aussprüchen warfer mit biblischen Schriftstellern um sich, die er in Briefen auf fastgotteslästerliche Weise zu den plumpsten Schmeicheleien miß-brauchte 80 . Er tat sich etwas zugute darauf, daß er mit Cosimo,seinem besonderen Gönner, kurz vor dessen Tod Piatos Abhand-lung über „Das höchste Gut" gelesen habe; hierauf sei der Greisverschieden, um in den vollen Besitz dieses Gutes einzugehen'* 1 .Gewiß sprach es zugunsten der literarischen Bildung Cosimos, daßer die platonische Philosophie so hoch schätzte. Wenn er aber inseinen letzten Stunden zu Piatons Gedanken statt zum KreuzeChristi seine Zuflucht nahm, so war dies freilich kein Beweis tiefchristlicher Gesinnung, sondern viel eher das Anzeichen verbor-genen Unglaubens 82 . Angelo Poliziano, „der homerische Jüng-ling", Kanonikus am Dome zu Florenz, verfaßte zwar Hymnen aufdie Madonna, viel beweglicher jedoch als hier das Lob Mariens be-sang er in dem Gedichte, in dem er das Turnier Julians, des Bru-ders Lorenzos, verherrlichte, das Reich der Venus und die Lieb-schaften der Heroen und Götter 83 . Sicher ging man zu weit, wennman ihm vorwarf, er sei Atheist; aber es geschah ihm schwerlichein Unrecht, wenn man ihm die Äußerung zuschrieb, e i n m a 1 inseinem Leben habe er die Heilige Schrift gelesen und niemals seineZeit schlechter verwendet, jedenfalls seien die Oden Pindars denPsalmen Davids bei weitem vorzuziehen 84 . Gewiß ist, daß er 1494zu Florenz im übelsten Rufe verstarb 85 . Selbst Graf Johann Picovon Mirandola 86 , der mit Ficin und Polizian das florentinischeTriumvirat in Sachen der Wissenschaft bildete, geriet trotz allermystischen Schwärmerei in Streit mit der Kirche. So wenig er diechristlichen Lehren bestritt, so sehr lief sein Bestreben, sie überallnachzuweisen, und selbst in der Kabbala die Geheimnisse derMenschwerdung und Dreifaltigkeit zu entdecken, auf einen religiö-sen Mischmasch hinaus, der die heiligen Schriftsteller in demselbenMaße verweltlichte, in dem er die weltlichen zu heiligen meinte.Trugen nun Lorenzo und seine Freunde der kirchlichen Richtungwenigstens nach außen hin immer noch Rechnung, so machte Karl