HEIDNISCHES WESEN
schäftigung mit heidnischen Schriften heidnischen Gedanken undGrundsätzen allen Zugang in ihre Sinnesart versperrt hätten.Schon die überschwängliche Bewunderung, die sie für das Alter-tum als solches hegten, machte sie gleichgültig gegen das Christen-tum 68 , und indem sie als Schriftsteller die Literatur, als Päd-agogen die Jugenderziehung, als Ordensobere die Klöster, als Pre-diger die Kanzeln, als Kirchenfürsten die Menge beherrschten,hatten sie reichliche Gelgenheit, das Christentum selbst mit heid-nischem Gifte anzustecken 69 . Das heidnische Wesen, das sie selbstwider Wissen und Willen ausströmten, mußte aber um so verfüh-rerischer wirken, je stärker die heidnischen Bestandteile waren,welche das italienische Volksleben in vielen Stücken, besonders imHeiligendienste, noch immer in sich barg 70 . Nach heidnischerWeise beging man die Vorabende der Feste mit üppigen Gelagenund derben Spässen. Man benahm sich in der Kirche wie in einemgewöhnlichen Hause, schlief dort, sang unzüchtige Lieder, führteSchaustellungen und Tänze auf. Noch immer rief man bei derWeinernte Bacchus an, noch immer verehrte man Janus 71 . Der heid-nische Glaube an die eherne Gewalt des Schicksals, an die Astro-logie und an Vorzeichen, im italienischen Volke seit den Tagendes Altertums nie ganz erloschen, schoß nunmehr im Zeichen desHumanismus erst recht üppig ins Kraut. Wohl fehlte es nicht anklassisch gebildeten Männern, die ihrem kirchlichen Glaubenund frommen Sinne nichts vergaben und sich ernstlich bemühten,christliche Wahrheit und heidnische Schönheit miteinander inEinklang zu bringen. Aber sie blieben vereinzelt und ohne tieferenEinfluß auf ihre Zeitgenossen 72 . Auch die Humanisten selbst grif-fen die Kirche und ihre Einrichtungen, von denen sie zum gutenTeile ja auch selbst lebten, nicht offen an und vermieden denschroffen Bruch mit der kirchlichen Obrigkeit. Um so leichtersetzten sie sich über diese stillschweigend hinweg und um so vol-ler ließen sie ihrem Unglauben die Zügel schießen, wenn sie untersich zu sein glaubten; ja der versteckte Krieg, den sie gegen diechristliche Lehre führten, war im Grunde noch viel gefährlicherals der ehrliche, offene Kampf. Zum mindesten gaben sie einerreligiösen und sittlichen Gleichgültigkeit Baum, die der Kirche aufdie Länge verderblicher werden mußte als die gröbste Ketzerei.Die verhängnisvollen Wirkungen der humanistischen Bewegungtraten nun naturgemäß da am stärksten zutage, wo diese ihre