PRAKTISCHER EPIKUREISMUS 55
den, um der Sodomie zu steuern 53 . Nicht leicht wirft etwas auf diebodenlose sittliche Verkommenheit der florentinischen Gesell-schaft jener Tage ein grelleres Licht als der Umstand, daß es |selbst ein so verehrter Mann wie Erzbischof Antonin aus Furcht |vor übler Nachrede nicht wagen durfte, Knaben oder Jünglinge !unter fünfundzwanzig Jahren in seine Umgebung zu ziehen odermit Knaben und Frauenspersonen, auch nur ohne Zeugen zusprechen 56 . War doch gerade der Klerus ob seiner sodomitischenAusschweifung am meisten verschrien, ohne daß selbst ein Anto-nin hier Wandel zu schaffen vermocht hätte 57 .
Was nun den praktischen Epikureismus, der die florentinischenGroßen zum guten Teile beherrschte, in den Augen frommer Kir-chenmänner in bedenklichstem Lichte erscheinen ließ, das wardie betrübliche Wahrnehmung, daß er seine kräftigste Nahrungaus einer un- und widerchristlichen, materialistischen Weltan-schauung sog, die durch den Humanismus mächtig befördert,wenn auch keineswegs durch ihn erst geschaffen wurde. Schondas Ende des 13. Jahrhunderts war der Anfang einer neuen Zeit,schon damals war der alte Kirchenglaube besonders in romani-schen Ländern am Sterben 58 . Nicht nur gegen äußere kirchlicheEinrichtungen und sittliche Schäden, sondern auch schon unmit-telbar gegen die Lehre richteten sich die feindlichen Angriffe.Wenn sogar ein hoher Kirchenfürst wie Kardinal Gaetani, dernachherige Bonifaz VIII., an einer religiösen Disputation über denWert der drei Religionen, des Christentums, Judentums und Is-lams teilnahm, und zu den Verfechtern des aufgeklärten Stand-punktes gehörte, die sich über alle konfessionellen Vorurteile er-haben fühlten, so läßt sich ermessen, wie weit das Übel schon umsich fraß. Schon damals tauchten so verhängnisvolle Fragen wiedie nach der Geschichtlichkeit Jesu, nach der Menschlichkeit oderGöttlichkeit seiner Natur, nach dem Werte der Religion, nach derWissenschaftlichkeit der Theologie auf. Sogar der Glaube an dieUnsterblichkeit der Seele war schwer erschüttert. Der florentini-sche Geschichtschreiber Johann Villani erblickte in den furcht-baren Feuersbrünsten, die im Jahre 1100 und 1117 große Ver-heerungen in Florenz anrichteten, Gottes Strafe für die hier wu-chernde Sekte der Epikureer, die sich der Wollust und Genuß-sucht hingaben und weder an Gott noch Heilige glaubten 50 ; undauch Dante stieß unter den zahlreichen Anhängern Epikurs,
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