54 FLORENZ BEI ANKUNFT SAVONAROLAS
weitere sehr beklagenswerte Erscheinung war die wie in Italienüberhaupt, so in Florenz von alters her eingewurzelte Spiel-wut, von allen Gutgesinnten nicht bloß ob der mit ihr verbun-denen greulichen Flüche und Gotteslästerungen, sondern auch umihrer für das Familienleben oft so verhängnisvollen wirtschaft-lichen Folgen verabscheut 48 . Vergeblich bekämpfte selbst der hei-lige Antonin die unbezähmbare Spielleidenschaft seiner Gläubigen,sogar gegen Geistliche mußte er einschreiten. Als er einst vieleBürger beim Würfelspiele antraf, warf er die Spieltische entrüstetum 49 . Vergeblich suchte 1473 die Signorie, als sie die seit dem14. Jahrhundert oft und fruchtlos erlassenen Verschwendungsge-setze erneuerte, dem Glücksspiele Schranken zu setzen. JungenLeuten unter 24 Jahren wurden Würfel- und Kartenspiel über-haupt untersagt, gewisse Kartenspiele ganz verboten, die Höhedes Einsatzes beschränkt. Es half alles nichts 50 .
Daß in der Stadt frohen Lebensgenusses, der Boccaccio inseinem „Decamerone" den Stoff zu seinen schlüpfrigen Erzäh-lungen entlehnte, mit zunehmendem Reichtum und Luxus einezunehmende Lockerung der geschlechtlichen Sittlichkeit Handin Hand ging, wird nicht überraschen. Schon im 12. Jahr-hundert geschieht in den florentinischen Urkunden unehe-licher Kinder außerordentlich häufig Erwähnung. Wenn derFranzose Commynes am Ende des 15. Jahrhunderts über dieUnbefangenheit staunte, mit der man damals solche Dinge in Flo-renz behandelte, so hätte er diese Beobachtung schon im Florenzdes 12. Jahrhunderts machen können 51 . Noch schlimmer war es,daß das unnatürliche Laster wie überall in Italien, soganz besonders in Florenz nur allzu verbreitet war. Neapel, Sienaund Florenz werden von gleichzeitigen Schriftstellern als dieHauptsitze aller Schwelgerei und unnatürlichen Lüste bezeichnet 52 .Schon Dante stieß in seiner Hölle auf einen ganzen Schwärmsodomitischer Sünder, der sich hauptsächlich aus Geistlichen undGelehrten zusammensetzte, unter ihnen Brunetto Latini, der be-rühmte florentinische Philosoph, und Andreas Mozzi, Bischof vonFlorenz, ob seines päderastischen Lasters nach Vicenza versetzt,wo er 1296 starb 53 . Hatte diese Verirrung schon zur Zeit Dantes inFlorenz einen erschreckenden Umfang erreicht 54 , so waren dieDinge im 15. Jahrhundert nicht besser geworden; mußten doch1432 eigene Beamte der Nacht (officiali di notte) eingesetzt wer-