VERFALL DER ORDENSZUCHT (UND IHRE REFORM) 29
doch immer noch besser sei als ein heuchlerischer, mit allen mög-lichen Dispensen mühsam zusammengeflickter Scheinobservantis-mus, wie ihn der Humanist Poggio erbarmungslos, doch kirch-lich ungestraft geißelte 28 . Freilich war der Verfall der Ordenszuchtin nicht wenigen Konventualenklöstern so offenkundig daß erselbst bei Laien Anstoß erregte. Mußte man doch sogar das Ver-bot einschärfen, übelberüchtigte Weibspersonen ins Kloster, inden Schlafsaal oder in die Zelle mitzunehmen 29 . Es war ein offenerHohn auf das Armutsgelübde, wenn sich Brüder mit ihrem Geldesogar an Handelsgeschäften beteiligten 30 . Der Gemeinbesitz galt . *nachgerade als etwas so Selbstverständliches, daß man mit derBehauptung auftrat, der Orden habe schon von allem Anfange anBesitzungen zugelassen 31 . Statt am gemeinsamen Tische im Speise-saale zu essen, nahm man auf der Zelle leckere Mahlzeiten ein 32 . **/« mp~4U>Selbst an gemeinen Verbrechern fehlte es unter den Brüdernnicht 33 . So strebte der Prior eines dalmatinischen Klosters dem, N
Provinziale nach dem Leben und brachte einem Bruder eine töd- / y -y*J Jv^iliehe Verwundung bei 34 . Ein ungarisches Kloster ward von einemOrdensgenossen um einen Wagen und drei Pferde geschädigt 35 .Bruder Lorenz der französischen Provinz war ein offenkundiger ^^„^lDämonenbeschwörer und Verbrecher von Jugend auf, der sich be-sonders auf das Erbrechen von Kerkern verstand 36 . Pariser Brüderbesuchten Wirtschaften und ließen Weiber ein 37 . Die BrüderAlexius, Petrucius und Philipp von S. Maria Novella zu Florenzwurden wegen Diebstahls und grober Ausschreitungen eingeker-kert und aus dem Orden gestoßen 38 . Erfurter Brüder fälschtenSchreiben des Ordensgenerals, mehrere andere begingen Dieb-stähle, und dasselbe tat Bruder Johannes Rode vom Kloster zuBerlin 39 . So war es kein Wunder, wenn eine heiße Reformsehn-sucht alle Stände der Kirche durchdrungen und namentlich diebesten und frömmsten unter den Laien ergriffen hatte. Der be-geistertste Gönner der Observanz war Papst Eugen IV., der sieförderte, wo er nur konnte 40 . Als warme Freunde der Reformwaren auch Kaiser Friedrich III. und andere Fürsten bekannt 41 .Vor den Augen der Gläubigen galten als wahre Mönche jene,welche sich wie einst in alter Zeit die Jünger des hl. Anton aufsärmlichste kleideten, einen Bußgürtel um den nackten Leib undkeine Schuhe trugen und kein Fleisch aßen 42 . Überall standen dieLaien mit ihren Sympathien entschieden auf Seiten der Obser-