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18 GROSSVATER UND ENKEL
düng gebracht werden konnte, mußte schwerstes Ärgernis erregen.Die Schmach der Kirche schien ihren Gipfel erreicht zu haben.
Der Anblick des ungeheuren Verderbens, von dem er sich allent-halben umringt sah 96 , zerriß dem ferraresischen Medizinstudentendas Herz und verfolgte ihn mit der unentrinnbaren Gewalt einerquälenden Zwangsvorstellung. In dem Sänge „VomRuinederW e 11", den er 1472 96a , zwanzigjährig, dichtete 97 , goß er sein beküm-mertes Herz aus. Tfede Tugend, jede ehrbare Sitte, klagte er, istgänzlich erloschen. Der eine leugnet Gott überhaupt, der anderebehauptet, er schlafe. In Ehren steht, wer Gottes Feind ist. ZuBoden liegt St. Peter, Wollust und Raub schießen üppig ins Kraut,so daß ich nicht begreife, daß der Himmel nicht einstürzt. SiehstDu, o Gott, den geilen, hochmütigen Tölpel nicht, der wie ein Stromdie Bäche, so alle Laster in sich vereint? Sieh ihn an, jenen Kna-benschänder und Kuppler, den Gaukler im Purpurgewande 98 , demdas Volk nachläuft und die blinde Welt huldigt! So sehr ist dieWelt von Lastern aller Art bedrängt, daß sie sich aus eigener Kraftnicht mehr zu erheben vermag. Rom, ihr Haupt, ist zu Boden ge-stürzt, nie wird es seiner hohen Aufgabe je wieder gerecht. Dochdu, o Sang, mit dieser Aufforderung schließt er, nimm dich inacht, daß dir nicht des Purpurs Farbe (d. h. das Martyrium)winke! Fliehe Palast und Loggia und vertraue dich nur wenigenan, denn der ganzen Welt wirst du verhaßt sein!
Zwar setzte Hieronymus seine medizinischen Studien die näch-sten Jahre noch unverdrossen fort; aber er war nur mit halbemHerzen bei ihnen. Immer wieder schweiften seine Gedanken auf dasVerderben der Christenheit ab, das er zu Beginn des Jahres 1475in dem Gedichte „VomRuinederKirche" besang 99 . In einerFülle zum Teile sehr gekünstelter Vergleiche und Bilder 100 pries erhier die Kirche als die jungfräuliche Braut Christi und brach wie-der in schmerzliche Klagen aus, daß sie, die einst in den Perlen undDiamanten der Heiligen, im strahlenden Glänze der Lehrer undMystiker, im fleckenlosen Gewände der Jungfrauen prangte, nun-mehr ihres Schmuckes so gänzlich bar sei. Auf die Frage aber, wersie denn so übel zugerichtet, erhielt er von ihr den Bescheid: einetrügerische, hochmütige Buhlerin, und auf seine weitere Bemer-kung, ob sich denn ihre Macht nicht brechen ließe, ward ihm dieWeisung: menschliche Zunge vermag und darf da nichts, noch