GROSSVATER UND ENKEL
gab. Aber auch dem Stagiriten gab er sich nicht blindlings gefan-gen. Er war nicht gleich anderen damit zufrieden, fremde Meinun-gen gedankenlos hinzunehmen. Schon als Knabe hatte er seinenSinn auf die Wahrheit gerichtet und aller Falschheit ewigen Krieggeschworen. Zur letzten Wahrheit selbst vorzudringen, war seinemsigstes Streben 59 . Überall wollte er selbst prüfen und selbst ent-scheiden und sich nicht der Person xind dem Namen, sondern nurdem Schwergewichte der stärkeren Gründe beugen. Er machte keinHehl aus dem, was ihm an den Meistern, in deren Schule er sichbegeben hatte, mißfiel 60 , und er schonte selbst Aristoteles nicht, ob-schon er sich mit ihm so lange und eindringlich beschäftigte, daßihm seine Aussprüche und Gedankengänge vollständig in Fleischund Blut übergingen und zum unverlierbaren geistigen Besitze wur-den. Was er auch an ihm vermißte, das war die Sicherheit in denletzten und höchsten Fragen der Menschheit, die Gewißheit überdas, was ihr vor allem not tut, über ihr letztes Ziel und Ende, überGott und Unsterblichkeit 01 . Um endgültige Auskunft über diese er-habensten Dinge wandte er sich, wieder nach dem Vorbilde desGroßvaters, an den Mann, der als der gründlichste und geistvollsteKenner und Ausleger des Stagiriten gefeiert war und mit platoni-schem Tiefsinne und aristotelischem Scharfsinne die vom über-natürlichen Lichte der göttlichen Offenbarung erleuchtete Einsichtder kirchlichen Lehre verband, Thomas von Aquin. Mit seinenAugen las er die aristotelischen Schriften, an s e i n e r Hand durch-wandelte er die weiten Hallen der peripatetischen Philosophie, undda er seinen Sehwinkel von vornherein auf den Standpunkt desAquinaten eingestellt hatte, so fand er die stärkeren Gründe immerbei ihm. „Stets hatte ich", gestand er später selbst, „eine besondereVorliebe für ihn, und schon als ich noch in der Welt lebte, hegteich Verehrung für ihn 62 ". Zeitlebens betrachtete er ihn als denFürsten aller lateinischen Philosophen und Theologen 02 . An denWortgefechten über philosophische Streitfragen, wie sie dem über-lieferten Studienbetriebe gemäß an den Hochschulen stattfanden,beteiligte er sich mit bestem Erfolge; schon damals erregte er Auf-sehen, man sagte ihm eine glänzende Zukunft voraus 04 . Mit der aka-demischen Würde eines Meisters der freien Künste und dem Ruhmeungewöhnlicher Gelehrsamkeit schloß er seine philosophischenStudien ab 05 , um sich nunmehr der Medizin zuzuwenden.