HIERONYMUS IM ELTERNHAUSE
das strahlende Gestirn der ferraresischen Hochschule, hegte 52 , istnicht zu zweifeln, daß er den Knaben in seine Schule gab. Aller-dings war Guarino schon 1460, neunzig Jahre alt, gestorben, so daßHieronymus, damals erst acht Jahre alt, seinen persönlichen Unter-richt kaum mehr genoß. Allein seine Schule ließ von ihrer be-währten Lehrmethode auch nach seinem Tode nicht ab, zumalsein Sohn Baptist 1466 an ihre Spitze trat und dafür sorgte, daßihr alter Ruhm nicht verblich 53 . Gleich zahllosen jungen Leuten,die aus allen Teilen Italiens, aus Dalmatien, Illyrien, Deutschland,Ungarn, Böhmen, Polen, Frankreich und Britannien, aus Kreta,Rhodus und Zypern herbeiströmten, um sich von Guarino in dieHerrlichkeit des klassischen Altertums einführen zu lassen,dankte auch der junge Savonarola der Schule Guarinos seine huma-nistische Vorbildung, so daß er Jahrzehnte später, als unwissenderSchmäher der klassischen Studien verschrieen, mit berechtigterGenugtuung erklären konnte 54 : „Auch ich habe die Schulen derDichter und der Versmaße Unfruchtbare Wälder kennengelerntund der Zuchtrute die Hand hingehalten. Aber Gottes Liebe eröff-nete mir die Augen, so daß ich die Wälder verließ, um die süßenFrüchte der Obstkammer der Kirche zu kosten". Umfassend undgründlich war freilich die humanistische Bildung, die sich Hiero-nymus aneignete, keineswegs; namentlich erstreckte sie sich nichtauf die griechische Sprache und Literatur 55 , obwohl ihm diese ge-rade in der Schule Guarinos leicht zugänglich gewesen wäre. Mitsiebzehn Jahren sagte er (1469) den humanistischen Studien fürimmer Lebewohl 56 , um nun dem Wunsche des Vaters gemäß denfreien Künsten zu obliegen, die nach dem Vorbilde des inzwischenverstorbenen Großvaters auch für ihn die Grundlage und Vorberei-tung zum medizinischen Studium bilden sollten. Mit den glänzen-den Geistesgaben, die ihn auszeichneten, mit seinem ernsten, ge-setzten Wesen und eisernen Fleiße war er der Stolz der Familie,die ihn für den ärztlichen Beruf bestimmte und auf ihn all ihreHoffnung setzte, fest überzeugt, daß er gleich dem Großvater hohenRuhm und reichen Gewinn für sich und die Seinigen davontragenwerde 57 . Angelockt vom Zauber der platonischen Darstellung stürzteer sich mit Feuereifer auf die platonischen Schriften, ohne sich aufdie Länge von ihnen fesseln zu lassen 58 . Viel mehr fühlte er sichvon Aristoteles angezogen, dem er wie ehedem der Großvater schonum seiner naturwissenschaftlichen Forschungen willen den Vorzug