io GROSSVATER UND ENKEL
wenn das Kind schlecht erzogen wird, den Huren nachläuft undden Glücksspielen frönt, so hat man mit ihm nur Verdruß undschließlich mehr Unkosten, als man für einen tüchtigen Lehrer zuentrichten gehabt hätte. Man wende bei der Erziehung haupt-sächlich Lob und gute Worte an, allerdings auch Verweis, Tadelund Schläge, doch alles mit Maß und Ziel, und gönne dem Kindeauch Zeit zu unschuldigen Spielen. Das Gesagte gilt nun freilichnur für Eltern, die in der Lage sind, sich darnach zu richten. Aberauch arme Frauen sollen ihren Kindern eine tugendhafte Erziehungangedeihen lassen, eingedenk, daß es selbst Kinder aus niedrigstemStande aus eigener Tüchtigkeit zu Reichtum und Ehren brachtenund Doktoren, Ritter und große Kapitäne, ja Kardinäle und Päpstewurden. Sicher hatte der Gelehrte bei den Verhaltungsmaßregeln,die er den ferraresischen Frauen ans Herz legte, vor allem seineSchwiegertochter im Auge; und ohne Zweifel sah er darauf, daßsie sich bei Erziehung ihrer Kinder, und so auch des kleinenHieronymus, daranhielt. Wird uns doch ausdrücklich berichtet,Michael habe, solange er noch lebte, die Erziehung dieses seinesEnkels überwacht 49 ; und wenn dieser seinen Schöpfer später fürdie Wohltat pries, daß er in Verhältnissen habe aufwachsen dür-fen, die es ihm erlaubten, schon als Kind die Predigt häufig zuhören und die heiligen Sakramente zu empfangen, so weist dieseAngabe deutlich in die Richtung der vom Großvater aufgestelltenLeitsätze. Da der Greis erst um 1468 starb, so stand Hieronymuswährend der ganzen Zeit seiner Kindheit bis zu seinem 16. Lebens-jahre, also in dem für seine Charakterentwicklung und Geistes-bildung entscheidenden Alter, unter dem Einflüsse eines Mannesvon so aufrichtiger Frömmigkeit und so ernster Lebensanschau-ung, wie dies Michael war, der in seinen moralischen und asketi-schen Schriften selbst noch über den Tod hinaus zu seinem Enkelsprach 60 und jenen Abscheu vor dem Verderben der Welt im all-gemeinen und des Welt- und Ordensklerus im besonderen, jenenWiderwillen vor dem Hofleben, jene Begeisterung für die HeiligeSchrift und die Kirchenväter, jene Vorliebe für den heiligen Thomasin ihm weckte und nährte, die seinen Liebling sein ganzes Lebenhindurch erfüllten, wie sie ihn selbst zeitlebens beseelt hatten.Der Großvater lebte im Enkel fort, dessen geistiger Vater er war;er war es auch, der darauf drang, daß Hieronymus lateinischenUnterricht erhielt 51 , und bei der Hochschätzung, die er für Guarino,