MICHAEL SAVONAROLAS ERZIEHUNGSGRUNDSÄTZE 9
so war der kleine Hieronymus reich begnadet. Sein Vater Nikolaus,über welchen die Nachrichten freilich sehr spärlich fließen, übtedas Gewerbe eines Geldwechslers und Kaufmannes aus 45 . Die Mut-ter Helena war eine ausgezeichnete, tief religiöse Frau, die mitzärtlicher Liebe an ihren Kindern und besonders an ihrem Hiero-nymus hing 46 . Die Eltern lebten in jenen behaglichen, von großemReichtum ebenso wie von drückender Armut entfernten Vermögens-verhältnissen 47 , die allgemeiner Erfahrung gemäß den gedeihlich-sten Boden für eine gute Kindererziehung abgeben. Auch über dieGrundsätze, nach welchen sich diese im Hause Savonarola vollzog,sind wir wohl unterrichtet. In einer Schrift, die Meister Michaelgegen Ende seines Lebens an die Frauen Ferraras richtete, ver-breitete er sich „Über die Lebensweise der Schwangeren und der Neugeborenen bis zum siebentenJahr e 48 ", und fügte im letzten Abschnitte wertvolle Belehrungenüber die Erziehung bei, welche die Mütter ihren Kindern ange-deihen lassen sollen. Er ermahnte die Frauen, ja recht früh da-mit zu beginnen, da sich die Kleinen dann um so leichter an guteSitten gewöhnten, was in der gegenwärtigen Zeit des Verfalls dop-pelt vonnöten sei. Hat das Kind mit zwei bis drei Jahren zu spre-chen begonnen, so halte man es auch schon zu ehrbaren Wortenund Handlungen an und sehe besonders darauf, daß es bei Nen-nung der heiligen Namen Jesus und Maria das Kniechen beuge.Man bringe ihm ferner das Vaterunser, Avemaria und Kreuzzeichenbei und führe es in die Kirche, um es an die Zeremonien zu ge-wöhnen. Ebenso nehme man es in die Predigt, in die Vesper undin andere Andachten mit und begleite es zu einem verständigenBeichtvater, auf daß es dieser ermahne. Besonders achte mandarauf, daß es ehrbarer Zunge sei und nicht in die Gesellschaftlasterhafter und verdorbener Kameraden gerate. Nach dem Ave-maria und Vaterunser soll es das Kredo erlernen, denn es ist dieGrundlage unseres Glaubens, dem wir unser Heil danken. Überallen Tugenden aber steht die wahre Liebe, die der Mensch mitder Gottesliebe erwirbt. Ist das Kind fünf Jahre alt geworden, sovertraue man es, falls es die Verhältnisse gestatten, einem Erzieheran, der ihm den ersten Unterricht erteilen und es in den gutenSitten unterweisen soll. Die Sorge um einen wohlgesitteten Er-zieher oder Lehrer muß den Eltern ganz besonders am Herzenliegen; sie sollten mehr auf das Kind als auf das Geld sehen, denn