HEINE 386
allzu große Engherzigkeit der Herausgeber des „Gesellschafters" dieEntscheidung des Polizeiministers angerufen haben will; so erzählt erwenigstens in seinen „Erlebnissen" (1868. II, 290). Akten darüberhaben sich bisher keine gefunden. Obgleich „das Möglichste" gerettetwar, entsetzte sich der Dichter über die „muffige" und „triste" Form,in der ihm hier sein Werk entgegentrat, und er beeilte sich, es „in an-ständigerer Gestalt" als Buch vors Publikum zu bringen. Unter preu-ßischer Zensur war das unmöglich; in Hamburg war man unbefan-gener, und in Julius Campe, der seit 1823 alleiniger Besitzer des Ver-lags Hoffmann & Campe war, hatte Heine einen unternehmendenBuchhändler gefunden, der noch einiges mehr wagte, als selbst derHamburger Zensor billigte, stets nach jungen Talenten Umschau hieltund schon lange auf den Autor wartete, der seiner noch ziemlichobskuren Firma einen Weltruf verschaffen sollte. „Die Harzreise"erregte, wie Heines Freund, der Berliner Legationsrat Varnhagenvon Ense, in seinen Tagebüchern berichtet, wegen ihrer „fast unglaub-lichen Keckheit" großes Aufsehen; von einem Verbot verlautete aberaus den neununddreißig deutschen Bundesstaaten nichts; das Buch trugeine Hamburger Verlags- und Druckfirma, hatte weniger als 20 BogenUmfang, war also mit dortiger Zensur erschienen; der Verlag warnoch nicht „berüchtigt" — da mochte es hingehen.
Mit dem zweiten Band der „Beisehilder" stand es schon bedenklicher.Er erschien April 1827, als Heine gerade nach London reiste, undbrachte eines der geist- und witzreichsten Werke Heines, die „Ideen.Das Buch Le Grand", die wohl bei keinem damaligen Zensor un-gerupft davongekommen wären, enthielten sie doch das klassischeXII. Kapitel, das aus nichts weiter als sechs Zeilen Gedankenstriche(Satire auf die damals noch üblichen Zensurstriche als Füllsel für ge-tilgte Worte) bestand, zwischen denen nur die Worte „Die deutschen
Zensoren"------------„Dummköpfe" wie zufällig stehengeblieben sind.
Campe zog es daher vor, den zweiten Teil nicht erst der Zensur vordem Druck preiszugeben. Das ging nach dem seit 1819 geltendenPreßgesetz nur, wenn das Buch mehr als 20 Bogen Umfang hatte. So-viel Bogen füllten die „Ideen" nicht; Heine fügte daher noch „Briefeaus Berlin", einen zweiten Zyklus „Nordseelieder" und ein Prosafrag-ment hinzu. Es erging ihm, wie er selbst später scherzend sagte, wiedem florentinischen Bildhauer Benvenuto Cellini, als er beim Gußseines Perseus nicht Erz genug hatte und zur Füllung der Form alleZinnteller, die ihm zur Hand waren, in den Schmelzofen werfen mußte.Die damit gewonnene Zensurfreiheit schützte aber ein Buch keines-wegs vor einem sofortigen Verbot, weder in Hamburg noch in einemandern der deutschen Bundesstaaten, von denen obendrein mehrerefür ihren Machtbereich die „Karlsbader Beschlüsse" von 1819 bedeu-tend verschärft hatten; Preußen z. B. hatte keinem noch so dicken