385 HEINE
„Man hat mich oft befragt, warum ich mir nicht Mühe gebe, meineStücke auf die Bühne zu bringen. Zur Antwort darauf ein Märchen,das ich in der Kindheit von meinem verstorbenen Vater hörte.
Ein Ritter kam an einen Palast, in dem er eine verzauberte Prin-cessin zu finden hoffte, und wollte hinein. An dem ersten Thor ver-langte der Wächter, zwar noch etwas zaghaft und mit zitternderStimme, er solle seine Waffen zurücklassen, sonst dürfe er nicht weiter.Er gehorchte. An dem zweiten verlangte ein Anderer, schon keckerund trotziger, er solle seine Rüstung ablegen. Er that's. An dem drit-ten trat ihm ein noch frecherer Gesell in den Weg und wollte ihmohne weiteres die Arme auf den Rücken binden. Da aber war seinLangmuth zu Ende. ,Wenn das so fort geht — rief er aus — so wirdman drinnen von mir fordern, daß ich mich mit eigener Hand erhänge,und wie ich die Princessin dann noch erlösen und eine tüchtige Nach-kommenschaft mit ihr erzeugen soll, sehe ich nicht ein.' Damit kehrteer um.
Ob er es that, um für immer abzuziehen, oder bloß, um die Rüstungwieder anzulegen, die Waffen aufzunehmen und geharnischt und ge-wappnet zurückzukehren, weiß ich nicht."
Wer mit dem „noch frecheren Gesell" gemeint war, bedarf wohlkeiner Aufklärung.
Hebbel war in Wirklichkeit der Märchenprinz, der sich auch durchdie gröbsten Gesellen nicht abschrecken ließ, neu geharnischt und ge-wappnet wiederzukehren, und dessen Ausdauer es schließlich, wennauch spät, gelang, die Prinzessin zu erlösen und ihre Hand zu gewin-nen. Aber er hat Zeit seines Lebens anderer Prüfungen wahrlich sounendlich viele bestanden, daß ihm das lange Fegefeuer der Zensurbillig hätte erspart bleiben sollen. Zu seiner Läuterung hat es gewißnicht beigetragen.
HEINE, HEINRICH (1797—1856).
Von den Werken Heines brachten zuerst die „Reisebilder" ihren Ver-fasser in Konflikt mit Zensur und Polizei. (Über das von ihm einge-sandte Berliner Volkslied, das einer Zeitschrift seines Freundes Rousseauden Hals brach, vgl. den Artikel „Agrippina".) Teil 1 der „Reise-bt^de r" erschien im Mai 1826 in Hamburg bei Hoffmann & Campe,dem Verlag, dessen berühmtester und erfolgreichster Autor Heine vonda an werden sollte. Der Band enthielt zum größten Teil Gedichte, diespäter dem „Buch der Lieder" einverleibt wurden, u. a. die Lieder der„Heimkehr" und den Zyklus „Die Nordsee", an denen allen kaum etwasPolizeiwidriges zu finden war. Bedenklicher war schon das einzigeProsastück dieses Bandes, die „Harzreise". Sie hatte im Januar undFebruar 1826 im Berliner „Gesellschafter" von Gubitz gestanden, aller-dings „schändlich mißhandelt" von der dortigen Zensur, gegen deren
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