383 HEBBEL
der alte Hägelinsche Zensurkatechismus aus dem Jahre 1795 mit denHauptparagraphen „Politik", „Religion" und „gute Sitten", der hiereine neue, aber durch keine Zeitentwicklung revidierte, unveränderteAuflage erlebte!
Hebbels Biograph Emil Kuh (II 509) berichtet zwar, das Stück sei,nachdem Laube „zwei und drei Male Abänderungen verlangt" habe,der Erzherzogin Sophie vorgelegt und „am Ende, nicht in Folgehöherer Weisung, sondern aus eigener Machtvollkommenheit desDirektors abgelehnt worden". Als der Dichter diesen Bescheid er-hielt, habe er „das Buch auf den Boden geworfen, es mit Füßen ge-treten — und tags darauf sei er rotgelb wie eine Orange aufgestan-den". Aber Kuh verwechselt hier offenbar die „Agnes Bernauer" mitder „Genoveva", denn deren Theaterbearbeitung wurde der Anlaß zuHebbels Erkrankung an Gelbsucht, und Hebbel selbst hat niemalsLaube, gegen den er im übrigen sehr „geladen" war, für das Schick-sal der „Agnes Bernauer" verantwortlich gemacht.
Im Vormärz war Hebbels „Genoveva" der „Kalenderheiligen" wegenvöllig unmöglich gewesen. Das gleichnamige Stück Raupachs hatteman 1830 bei der Aufführung auf dem Burgtheater in „Schuld undBuße" und den Golo in einen Boso umgetauft; auch Tiecks „Genoveva"wanderte in der Vertonung von L. Huth als „Bellarosa" über deutscheBühnen. Schon 1849 hatte sich Hebbel an eine Bearbeitung seiner„Genoveva" gemacht, war aber nicht damit zustande gekommen, daer die schneidende Dissonanz des Schlusses, Golos Selbstmord, nichtbeseitigen konnte. Im Januar 1851 fand er die versöhnende Lösungin dem „Nachspiel zur Genoveva", und am 31. Januar reichte er Laubedas so ergänzte Stück ein. Aber Laube lehnte ab. Im September 1851verlangte Dingelstedt in München eine Bearbeitung. Hebbel machtesich aufs neue daran und legte diese Umformung wieder Laube vor.Dieser wünschte noch stärkere Kürzung und die Beseitigung alles„Kirchlichen", da er wußte, daß er damit bei der Zensurbehörde nichtdurchkam. Hebbel befolgte seine Ratschläge und beseitigte auch dasKirchliche „bis auf den letzten Ausdruck". Aber Laube war nochimmer nicht zufrieden, und Hebbel verstand sich zu einer weiterenBearbeitung. Die psychologisch so wichtige Judenepisode und die an-schließende Beichtszene mußten ganz fort, so daß vom 2. Aktfast nichts mehr übrig blieb. Die Heilige reduzierte er ganz auf diePfalzgräfin, so „daß ihr von der Himmelskrone nicht eine Perle" bliebund ein blut- und markloser Schemen an die Stelle eines Menschentrat. So reichte er sein Werk zum vierten Male ein. Am 11. Dezemberwurden die Rollen ausgeteilt, aber die Leseprobe ließ auf sich warten.Am 29. mahnte Hebbel. Da erließ das Oberstkämmerer-Amt, und zwar„auf ausdrückliche Reklamation der Geistlichkeit" ein Verbot der Auf-führung. Der alte Zensurkodex galt also noch immer!