HEBBEL
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sur, ja den fünfzigjährigen Schluß aller Volkstheater rechtfertigte",so konnte er nicht annehmen, daß die selbst in München geduldetenWitteisbacher Fürsten seiner Tragödie auf der Wiener Hofburg irgend-welche Bedenken erwecken sollten. Nach einigen Wochen erhielt eraber sein Stück mit zahlreichen Zensurstrichen und Anmerkungen desGrafen Lanckoronski zurück. Der Dichter ließ sich die Mühe nichtverdrießen, über die oft sehr geheimnisvollen NB. des Oberst-kämmerers nachzugrübeln, alles, was irgendwie als anstößig aufgefaßtworden war, zu streichen oder zu ändern, und am 12. November 1852sandte er diese Zensurbearbeitung ein. Aber schon am 18. erhielt erdas Manuskript von Laube zurück mit der Erklärung, die Exzellenzlehne die Aufführung bestimmt ab, da ihr der Gegenstand des Stückesüberhaupt „für ein Hoftheater mißlich" erscheine. Das hinderte dieExzellenz aber nicht, eine andere „Agnes Bernauerin" von MelchiorMeyr trotz des „mißlichen" Gegenstandes zu erlauben. Hebbel warnatürlich über diese Rücksichtslosigkeit empört; fast noch mehr aberüber die Zensurstriche selbst, die Graf Lanckoronski für nötig ge-halten hatte, und er ging einige Zeit mit dem Gedanken um, öffentlichdarüber mit dem Oberstkämmerer anzubinden.
Es verlohnt der Mühe, sich aus dem Lesartenapparat der Werner-schen Hebbelausgabe diese Zensurstriche des Grafen Lanckoronski inHebbels „Agnes Bernauer" im Jahre des Heils 1852 zu vergegen-wärtigen. Daß Bayern „in drei Teile zerrissen sei, wie ein Pfann-kuchen, um den drei Hungrige sich schlugen", daß Herzog Albrechtnicht einsehen will, warum er wegen seiner Ehe mit einer Bürgerlichendem Throne entsagen soll, daß der Adel früher einmal gegen denKaiser aufstand und ähnliche historische Erinnerungen und Rede-wendungen, die sich aus dem Vorwurf des Stücks mit Notwendigkeitergaben — neben alles dies setzte der Graf sein NB., oft sogardrei NB.! Sein Begriff von hoher Politik wollte natürlich auch nichtdulden, daß Herzog Albrecht am Schluß des 3. Aktes die Bürger undBauern gegen seinen Vater und den Adel aufruft. Ebenso anstößigwar ihm die ernste Mahnung Preisings an Herzog Albrecht, daß seinefürstliche Stellung ihm Opfer auferlege („Ihr seid ein Fürst" usw.3. Akt, 10. Szene), und selbst eine harmlose Erwähnung Rudolphsvon Habsburg sollte gestrichen werden. — Die NB. des Grafen hattenaber auch ihre religiöse Seite. Von Christi Geburt (als Datum!), vonden zehn Geboten, von den „Hauptstücken unseres allerheiligstenGlaubens", von Gott und Paradies, von Rosenkranz und sonstigen hei-ligen Dingen durfte nicht die Rede sein, ebensowenig von Priesternoder dem Pater Franziskaner, von Bischöfen oder dem Papst. Und imPunkte des Wohlanstandes war Exzellenz so peinlich, daß sie keiner-lei scherzhafte Anspielung auf das Verhältnis des jungen Herzogs zuAgnes vor ihrer Ehe hatte passieren lassen. Kurz, es war noch immer