381 HEBBEL
trotz seines Zähnefletschens ein Verführer, undwolle Euch zu bösen Dingen verlocken. Das ist ab-surd; Eure bleichen Wangen und stieren Augen strafen Eure ZungenLügen. Trinkt lieber auf Eure Unsterblichkeit I" —
Nach dem Amtsantritt des Grafen Lanckoronski durfte auch Hebbels,Maria Magdalena" in Wien nicht mehr aufgeführt werden. Gegendieses Stück, versichert Laube, sei der oberste Leiter des Burgtheaters„von entschlossenster Feindseligkeit" gewesen. Er hätte eher das„politisch mißliebigste" Stück erlaubt als „diesen Gräuel", so tief warsein Abscheu davor. Auch Laube hatte eine unüberwindliche Ab-neigung dagegen, und es wurde erst 1869, nach seinem Scheiden vomBurgtheater, wieder aufgenommen. Von den älteren Stücken Hebbelsbehauptete sich dort nur .Judith".
Im Dezember 1851 vollendete Hebbel sein deutsches Trauerspiel„Agnes Bernauer". Der damalige Münchener Intendant Franz Dingel-stedt nahm es sofort zur Aufführung an, die am 25. März 1852 inGegenwart des Dichters stattfand. Hebbel wurde von dem überfülltenHause dreimal gerufen, nur am Schluß des 3. Aktes, wo Herzog Ernstseinen Sohn wegen seiner Ehe mit Agnes der Thronfolge für verlustigerklärt, Albrecht aus den Turnierschranken gewiesen wird und gegenseinen Vater und den Adel das Volk zu Hilfe ruft („Die Ritterschaftverläßt mich! Bürger und Bauern heran"), entstand „großes Getümmel"nicht nur auf der Szene, sondern auch im Zuschauerraum: wütenderApplaus von den oberen Rängen und heftiges Zischen aus den Logen,wo der bayrische Adel seine Plätze hatte. Die Folge dieser Demon-stration war, daß, wie es in der Theatersprache heißt, durch das „plötz-liche Unwohlsein" eines Schauspielers die Wiederholung unmöglichwurde; auf Deutsch: ein Verbot von oben entfernte das Stück vomSpielplan, obgleich König Maximilian IL vorher gegen jenen drittenAktschluß nichts zu erinnern gefunden hatte. Im Gegenteil, er hattedem Dichter einige Wochen vor der Aufführung eine sehr gütigeAudienz gewährt und, offenbar gut unterrichtet, mit ihm über seineStücke geplaudert. Hebbel hatte dabei die Bemerkung gewagt, daßdie dramatische Kunst jetzt überall wieder durch die überstrengenpolitischen Maßregeln in ihrer Entwicklung gehemmt sei und dahermit doppelter Zuversicht auf München blicke. Worauf der König ant-wortete : „Mein Vater hat die bildenden Künste zu heben versucht, ichwünsche für die Literatur das Gleiche zu tun, das scheint mir nochwichtiger. Vor allem aber ist das Drama meine Passion."
Nach der Münchener Uraufführung reichte Hebbel auf LaubesWunsch seine „Agnes Bernauer" auch dem Burgtheater ein. Da zujener Zeit auf dem Theater an der Wien Babos „Otto von Witteisbach"gespielt wurde und der Pöbel dort sogar nach dem Kaisermord „Dacapo!" rufen durfte, was, wie Hebbel entrüstet meinte, „die strengste Cen-