341 • HAUPTMANN
Weberlied mitbringt, ist ein passionierter Soldat; nach einem halbenJahr schon hat er die Knöpfe bekommen, hat sich als Bursche beimRittmeister brillant geführt und nur, weil er sich in der Welt umge-sehen und erfahren hat, wie andere Menschen leben, sticht ihm dasElend seiner früheren Leidensgenossen doppelt in die Augen. Siesollten zusammenhalten, ruft er ihnen zu, dann könnten sie den Fabri-kanten ihre Bedingungen diktieren; die müßten dann bald „Leineziehen". Von Gewaltanwendung ist zunächst gar keine Rede. Sieziehen vor Dreißigers Haus, um ihre Forderungen geltend zu machen.Erst die Verhaftung Jägers durch den Polizeiverwalter reizt die Mengezum gewalttätigen Widerstand auf und führt dann in weiterer Ent-wicklung die Revolte herbei.
„Es ist nicht zu erkennen, wieso die dramatische Schilderung desdamaligen Weberaufstandes heutige hauptstädtische Fabrikarbeiterzu einer Störung der öffentlichen Ordnung aufreizen soll. Im Gegenteil,selbst wenn die Verhältnisse gleichartige wären, so könnten die Vor-gänge auf der Bühne eher abschreckend wirken: denn die Ordnungsiegt doch in dem Stück. Eine kleine Abteilung Militär schlägt denAufstand mit Leichtigkeit nieder, und die Aufständischen müssen mitihrem Blute und ihrer Freiheit bitter für die Excesse büßen. DerDichter verherrlicht diese Excesse nicht, er schildert sie als das not-wendige Produkt damaliger wirtschaftlicher Zustände. Der Dichterscheint sogar mit seinen Sympathien auf Seiten des alten Hilse zustehen, des gottesgläubigen braven Mannes, der das Elend wie jedeandere Schickung erträgt und sich damit tröstet, daß im Jenseits schonalles ausgeglichen werden würde. Daß gerade dieser Unschuldigefallen muß, ist die herbe Tragik des Schicksals, welches so häufigim Leben den Schuldigen frei ausgehen läßt, den Schuldlosen aberdahinrafft."
Die Staats- und Gesellschaftsordnung des Vormärz, führte Dr. Grel-ling weiter aus, sei in den letzten fünfzig Jahren so gut wie völlig be-seitigt ; preußische Verfassung, Reichsverfassung, Rückkehr zumSchutzzoll, Koalitionsfreiheit der Arbeiter, Fabrik- und Alters- undInvaliditätsgesetzgebung, Freizügigkeit, Parlament, Sieg der Maschineüber die Handarbeit besonders im Textilgewerbe — alle diese Fort-schritte zerstörten jede Analogie zwischen damals und heute. EineHungerfrage existiere im allgemeinen überhaupt nicht mehr, am we-nigsten „für die verhältnismäßig gutbezahlten hauptstädtischen Ar-beiter", die nach Meinung der Polizei aufgereizt werden könnten. Diesozialdemokratische Bewegung, die an Gewalttätigkeiten nicht mehrdenke, sondern alles der „nach ihrer Ansicht notwendigen logischenEntwicklung der Dinge" überlasse, richte sich daher auch nicht mehrauf höhere Löhne, sondern gegen die bestehende wirtschaftliche Ord-nung überhaupt; „sie will das Lohnsystem ganz abschaffen und alle