HAUPTMANN 340
„die täglich gehörten Schlagworte der Sozialdemokratie widerklingen",zur Auflehnung gegen die bestehende Ordnung fortgerissen werdenkönnten.
Demgegenüber wies Dr. Grelling nach, daß sich Hauptmann selbstin den Einzelheiten streng an die geschichtlichen Vorgänge gehalten,und legte die Quelle dar, aus der er geschöpft habe: das Buch vonDr. Alfred Zimmermann, „Blüte und Verfall des Leinengewerbes inSchlesien" (Breslau 1885); jeder kleinste Zug der Dichtung sei wirk-lichen Vorgängen entnommen, genau so historisch wie das Weberlied,das plötzlich auftauchte — man wußte nicht, woher es kam, von wemes gedichtet war —, in der Sprache des Volkes dessen Leiden zumAusdruck brachte und wie ein Zündstoff allenthalben niederfiel. Voneiner tendenziösen Zuspitzung der historischen Vorgänge sei keineRede. „Der Dichter schildert die Dinge so, wie sie sich zugetragenhaben, und überläßt es dem Zuschauer, Partei zu nehmen, für wen erwolle. Der Fabrikant Dreißiger ist sich seiner Härte keineswegs be-wußt. Er betont wiederholt, daß er nicht besser zahlen könne, da ihmdie Konkurrenz die Hölle heiß mache. Die Polizeibeamten tun weiternichts als ihre Schuldigkeit, wenn sie sich bemühen, die öffentlicheOrdnung aufrechtzuerhalten. Der Pastor Kittelhaus wird als eine mildePersönlichkeit geschildert, die zur Ruhe und Versöhnung mahnt undsich zu diesem Zwecke sogar mitten unter die aufrührerischen Arbeiter-massen begibt. Der Kandidat Weinhold wird von Dreißiger in einemMoment entlassen, wo dieser sich in der höchsten Erregung befindet.Die Arbeiter stürmen auf sein Haus zu. Da ist es wohl erklärlich,wenn er sich von dem Hauslehrer seiner Kinder nicht dreinredenlassen will. Frau Dreißiger und Pastor Kittelhaus nehmen den Kandi-daten in Schutz. Es ist also eine vollständige Verkennung des In-haltes des Stücks und der Absichten des Autors, wenn der Beklagtebehauptet: der Dichter habe die herrschenden Klassen im ganzen, dieVertreter der sogenannten Staats- und Gesellschaftsordnung als diebrutalen Ausbeuter der Arbeiterschaft hinstellen und jene Ordnungals des Bestehens unwert schildern wollen. Die ganze Weberrevoltehat weder im Leben noch im Stück das geringste mit der sogenanntenStaats- und Gesellschaftsordnung zu tun. Die Weber hungernund wollen mehr Loh n habe n. An einen Zukunftsstaat, eineUmwälzung unserer staatlichen und gesellschaftlichen Zustände hatkeiner der damaligen Weber gedacht, so etwas kannte man damals inDeutschland noch gar nicht. Und auch im Stück ist mit keiner Silbedavon die Rede. Jedes politisch-revolutionäre Element ist dem Stückevollständig fern geblieben. Es wird Sache des Beklagten sein, die-jenigen Stellen des Stückes nachzuweisen, aus welchen angeblich die„täglich gehörten Schlagworte der Sozialdemokratie" herausklingensollen. Der eigentliche Anstifter der Revolte, Moritz Jäger, der das