335 HARTMANN
Weingutsbesitzer, infolge des eingetauschten verräterischen Schlaf-rocks verhaftet; Hartmann aber entkam über die sächsische Grenze.Er wandte sich jetzt nach Berlin, wohin auch Landesmann sich be-geben hatte, und hier überraschte ihn eines Tages die Zeitungsnotiz:der Prozeß gegen ihn sei niedergeschlagen! Ob Hartmann selbstSchritte getan hat, um sich die Erlaubnis zu erwirken, an das Kranken-bett seiner Mutter zu eilen, wann er gerufen wurde, ist ungewiß. Voneiner durch den Zensor Seidl prophezeiten „Palinodie", einem Wider-ruf, konnte keinesfalls die Rede sein, denn durch die Herausgabeseiner „Neueren Gedichte" hatte er sich ja nochmals gegen die öster-reichischen Gesetze vergangen. In den Anmerkungen zu den „Lite-rarischen Geheimberichten im Vormärz" (III, 124) teilt Karl Glossydarüber folgendes mit: „Am 13.April 1847 eröffnete Erzherzog Stephan,als Landeschef von Böhmen, dem Grafen Sedlnitzky, daß nach Vor-lage der vom Prager Kriminalgerichte aus Anlaß der Herausgabe derGedichte ,Kelch und Schwert' gepflogenen Erhebungen mit Hof-dekret vom 10. März 1847 erkannt worden sei, daß wegen nicht tun-licher Sicherstellung des Verbrechens der Störung der öffentlichenRuhe des Staates von der kriminalgerichtlichen Abhandlung gegenMoritz Hartmann abzulassen sei. Am 2. Mai d. J. erfolgte dann dieMitteilung, daß der Prager Magistrat, politische Abteilung, wegen derZensurübertretung gleichfalls in eine Strafamtshandlung nicht ein-gegangen sei." Diese Probe österreichischen Kurialstils ist natürlichmancher Auslegung fähig und schließt die Verwendung angesehenerGönner des jungen und persönlich durch sein Äußeres schon allent-halben faszinierenden Dichters nicht aus.
Zunächst aber durfte Hartmann nach Belieben in seiner Heimatweilen. Die Freude dauerte jedoch nicht lange. Im November 1847führte ihn das Schillerfest nach Leipzig, und sein „Prolog zur Schiller-feier", zu dem ihn Robert Blum aufgefordert hatte, machte ihn aufsneue zum Staatsverbrecher. Als er bald darauf mit einem andern Teil-nehmer an der Feier, dem späteren politischen Flüchtling SiegmundKolisch, nach Prag reiste und hier zusammen mit Meißner in den Er-innerungen an die hier verlebte gemeinsame Studienzeit schwelgte,wurde er an einem frühen Morgen „von als Gentleman verkleidetenSchergen" aus dem Bette geholt und verhaftet. Gegen das ehrenwört-liche Versprechen, Prag nicht zu verlassen, setzte man ihn allerdingsbald wieder in Freiheit, aber die polizeilichen Vernehmungen begannenund setzten aufs neue auch sein Elternhaus in Aufregung, Vor demUrteil rettete den Dichter die Revolution, deren erste Feuersbrunstam 11. März 1848 in der Hauptstadt Böhmens aufloderte. Man hattejetzt Wichtigeres zu tun und ließ den Literaten abermals laufen. DiePrager Polizei konnte schließlich nicht ahnen, daß sie noch viel mitihm zu tun bekommen würde und zwei Jahre später wohl sehr stolz