SIMROCK 54°
Abschrift des Kabinettsbefehls bat. Die wurde ihm verweigert. Nurein Protokoll wurde ihm vorgelegt, daß ihm der Inhalt der Kabinetts-order mitgeteilt worden sei; das mußte er unterzeichnen, und damithatte er aufgehört, preußischer Kammergerichtsreferendar zu sein.Simrock ging wie betäubt nach Hause. Er war sich bewußt, alleseher denn ein Revolutionär zu sein, und hatte vielleicht am selbenMorgen auf dem Wege zum Kammergericht an einem neuen Gedichtgearbeitet, in dem er den Siegeswagen vom Brandenburger Tor durchdie deutschen Lande fahren ließ und „das Scepter Karls des Großen"in die Hand Friedrich Wilhelms III. gab, desselben Königs, der ihnsoeben in einer Aufwallung souveränen Jähzorns die völlige Recht-losigkeit des preußischen Staatsbürgers empfinden ließ, und gegendessen finstre Laune es kein Gesetz und keine Berufung gab. Wiehatte doch Ludwig Uhland kürzlich im Prolog zu seinem Trauer-spiel „Ernst, Herzog von Schwaben" gesungen:
Das ist der Fluch des unglücksel'gen Landes,Wo Freiheit und Gesetz darniederliegt . . .Daß, die fürs Vaterland am reinsten glühn,Gebrandmarkt werden als des Lands Verräter . . .
Dagegen gab es unter dem längst nicht mehr aufgeklärten preu-ßischen Absolutismus keinen Schutz. Das hatten Arndt und Görresund Jahn und andere gute Preußen zu schmecken bekommen, undör, Simrock, konnte noch von Glück sagen, daß er nicht bei Nachtund Nebel aufgehoben und nach Köpenick oder Spandau geschafftworden war, um als Demagoge von den Henkern der berüchtigtenImmediatkommission auf die Folter endloser Verhöre gespannt zuwerden. Der Ruf der Völker nach Verfassung— das war kein Gebrüllblutrünstigen Jakobinertums, das war nur die Forderung nach Rechtund Gesetz, um vor den unberechenbaren Ausbrüchen schlecht-beratener Willkür einigermaßen sicher zu sein. Deshalb durfte auchin preußischen und österreichischen Zeitungen von Verfassung inkeiner Form mehr die Rede sein, die Zensoren hatten strenge An-weisung, das Wort einfach aus der deutschen Sprache auszutilgen,und der gute Kaiser Franz bekam Krämpfe vor Entrüstung, wennsein Leibarzt sich einmal beifallen ließ, die gute — körperliche „Kon-stitution" seines Patienten zu rühmen. Aber weder von Verfassung:noch ähnlichen landesverräterischen Dingen stand in dem unglück-lichen Gedicht auch nur eine Andeutung!
Als Simrock nach Hause kam, lag das verhängnisvolle Blatt nochauf seinem Schreibtisch. Was in aller Welt mochte den König so ausder Fassung gebracht haben! Hatte sich etwa ein haarsträubenderDruckfehler eingeschlichen? Simrock las seine eigenen Verse nocheinmal Wort für Wort: