SCHÖNHERR 5 2 4
der Redner sich auch bei seinen Einwänden auf die Berliner Presse,namentlich auf den Bericht der Vossischen Zeitung, den er vorlas,berief? Aber wie die Behauptung von der übernommenen Ver-himmelung, so ist auch jene, daß man sich hier erst nachträglich —nach den Erfolgen in Wien und München — ein Urteil gebildet habe,grundfalsch. Schon am 18. Oktober 1910 — also vor irgend einerAufführung — brachte die ,Vossische Zeitung' ein Feuilleton über,Glaube und Heimat', das die Vorzüge des Stückes lebhaft anerkannteund die Wirkung auf der Bühne vorhersagte. Herr Dr. Schmidt, derso sehr auf .historische Treue' pocht, war also nicht vorsichtig g e ~nug — in dem einen Falle, in dem er sich nicht selbst dementirte,muß er sich dementieren lassen."
Die Pointe dieser rednerischen Leistung war die verstohlene An-deutung eines Plagiats, die durch einen Vortrag in Berlin wirksamunter die Leute gebracht wurde. Jene Beschuldigung war das zweiteGeschoß, das aus dem katholischen Lager gegen Schönherr ge-schleudert wurde. Die „Augsburger Postzeitung" hatte wenige Tagevor Schmidts Vortrag diese Granate abgeschossen; aber auch siewar ein Blindgänger, und ihre Ungefährlichkeit ergab sich sofort,als Schönherr im „Berliner Tageblatt" vom 13. April (Nr. 191)folgende Erklärung erließ:
„Wünschen Sie denn im Ernst, daß ich zu diesen Angriffen Stel-lung nehme? Eine Tatsache, die aber nicht erst jetzt entdeckt werdenmußte, besteht allerdings, nämlich, daß sowohl Frau Enrica Handel-Mazetti wie ich dieses Stoffgebiet aus der österreichischen Ge-schichte dichterisch verwertet haben. Wahr ist ferner, daß wir beideuns wegen der Wahl dieses literarischen Tragödienstoffes unge-zählten schärfsten Anfeindungen ausgesetzt haben. Aber wer vonirgend welcher Ähnlichkeit im Aufbau, im Gange und Ziel der Hand-lung spricht, muß sich von mir den Rat gefallen lassen, daß er dochzuerst die zwei Romane [Jesse und Maria' und ,Die arme Margaret']und mein Drama lesen möge, oder noch besser, er hole sich bei derDichterin Handel-Mazetti selbst den Bescheid, ob sie auch nur ent-fernte Ähnlichkeit im Aufbau und Schritt der Handlung finde. Wasnun die drei ähnlichen Sätze anbelangt, so bemerke ich, daß wireben beide die Sprache unseres Volkes kennen und sprechen. Umnur ein Beispiel anzuführen, der Ausdruck .Reißt ihm Leber undLungen heraus und haut sie ihm ums Maul' ist noch heute unterTirols Karnerleuten eine allbekannte Raufphrase. Mit solchen Stiche-leien ist es nicht zu machen."
Die Angreifer sahen jetzt die Schwäche ihrer Stellung ein. Hierund da verlautete noch einiges von Protesten gegen eine geplanteAufführung des Stückes; in der Bischofstadt Eichstädt im Fränki-schen Jura gelang es dem Domvikar im Auftrag des Generalvikars,