525 SCHÖNHERR
den dortigen Theaterdirektor einzuschüchtern. Nachrichten dieserArt verursachten nur noch ein Lächeln, und Schönherr parierte dieseohnmächtigen Gestikulationen mit dem Scherz, in Städten dieser Artkönne man ja einfach den Rottbauer zum Katholiken und den Reiterzum Protestanten machen. Abrer die klerikale Partei strengster Ob-servanz stand Gewehr bei Fuß und wartete geduldig, bis sich derDichter eine neue Blöße geben würde.
Fünf Jahre mußte sie warten, da schien der Augenblick günstig,2 u einem neuen Angriff auszuholen, der nachdrücklicheren Erfolgversprach. Wenn der Kritiker der „Norddeutschen Allgemeinen"in „Glaube und Heimat" mit Genugtuung jede Spur moderner Erotikvermißte —■ in Schönherrs neuem Werk „Weibsteufel" war sie dieFeder im dramatischen Uhrwerk. Obgleich durch den Ausbruch desWeltkriegs auch die Theaterzensur allenthalben schärfere Formenangenommen hatte, wurde das Stück von der Berliner Polizei glattgenehmigt. Ein Vertreter des Polizeipräsidiums und ein Ministerialratwohnten der Generalprobe bei und sahen zu Bedenken keinen Anlaß,da die Erotik „nirgends unangenehm hervortrat". Am 6. April 1915fand im Deutschen Theater — gleichzeitig im Wiener Burgtheater ■—die Premiere statt.
Der starke Erfolg war auch diesmal unbestreitbar. Rein technischwar das Stück ein kühnes Experiment: eine Frau zwischen zweiMännern — darauf beschränkte sich das ganze Personal, Frau Höf-lich, Pallenberg als Schmuggler und Hartmann als Jäger. In derKritik aber klaffte eine kaum überbrückbare Spalte. Schienther im„Berliner Tageblatt" nannte das Stück ein Meisterwerk, vergliches mit Lessing und Moliere; ähnlich Osborn in der „Morgenpost".Warme Anerkennung bezeugten „Kreuzzeitung", „Post", „Reichs-bote" und „Reichsanzeiger", also die Blätter der Rechten. M. S. (Ma-nuel Schnitzer) im „Lokalanzeiger" erinnerte an Otto Ludwigs„Heiterethei". Selbst die „Germania" (Dr. Thyßen) fand, nach einemHieb gegen „Glaube und Heimat", in dem neuen Werk einen Fort-schritt des Dichters, die Echtheit des Geschehens sei nicht zu leug-nen; für die derzeitige Dramatik aber bedeute diese Rückkehr zumNaturalismus einen Rückschritt, manches grenze ans Gemeine; einVolksstück für alle Kreise und Theater sei es keineswegs. Die„Deutsche Tageszeitung" fand die Teufelin zu „programmatisch",räumte aber den starken Erfolg ein. In der „Täglichen Rundschau"nannte Ludwig Sternaux den „Weibsteufel" ein Produkt von Strind-bergs angekränkelter Literatur, eine von „schwüler Sinnlichkeit", von..ungesunder Glut" erfüllte „Schauergeschichte", die zum Teil rechtlangweile. Emil Faktor im „Börsen-Courier" bedauerte, daß sichSchönherr „von der Kolportage schmerzhaft habe unterkriegenlassen". In der „Vossischen" erklärte Stefan Großmann, im Kern