Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
Seite
354
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354 Nocht,

Klima, als es das unsrige ist, reisen können. Bei Sturm, Kälte undRegenwetter sind Lungenleidende an Bord von Schiffen entschieden weitübler daran als in geschützten Anstalten auf dem Lande.

Bettlägerige Kranke sind an Bord auch unter den günstigstenäusseren Bedingungen schiechter untergebracht als in guter Pflege aufdem Lande. Wohl nirgends ist für sie an Bord auf die Dauer dienöthige geistige und körperliche Ruhe zu erreichen. Auf dem Landefällt es Niemandem ein, bettlägerige Kranke den äusseren Einflüssenihres Berufes, ihrer Arbeit weiter auszusetzen. An Bord bleiben dieKranken immer im Banne des übrigen Schiffslcbens. Sie sind von derAussenwclt und dem Tagesgetriebe nur durch Bretterwände oder dünneEisenplatten geschieden, sie hören den Lärm der Elemente, der Maschinenund Menschen aus unmittelbarster Nähe. Auch können weder die Schiffs-bewegungen in der rollenden See, noch die Erschütterungen des Schiffs-körpers durch die Schiffsschrauben für die Kranken ganz unfühlbar ge-macht werden. Dasselbe gilt von der grossen Luftfeuchtigkeit an Bordund den allgemeinen Witterungseinfiüssen.

Ueber die auf dem Lande für die Pflege von Kranken notwen-digen Einrichtungen und Hilfsmittel herrscht jetzt im Allgemeinen keineMeinungsverschiedenheit mehr. Mindestens in den Krankenhäusernund diese stehen bei uns auch dem Aermsten offen bestrebt man.sich überall die von der AYissenschaft gestellten Anforderungen für dieKranken möglichst uneingeschränkt praktisch durchzuführen. Können nunfür die Verhältnisse an Bord von Seeschiffen abgesehen von den ebenerwähnten, jetzt und wohl auch in Zukunft nie ganz zu überwindendenBeeinträchtigungen der Krankenpflege wenigstens in allen übrigenBeziehungen ähnliche Minimalforderungen gestellt werden wie auf demLande? Möglich wäre es schon, dem hohen Stande der Schiffsbau-technik entsprechend, die auf dem Lande erprobten Hilfsmittel und tech-nischen Einrichtungen in annähernd demselben Grade und Umfange auchfür die Kranken an Bord der Schiffe auszunutzen. Würde aber nichtder übrige Schiffsbetrieb beeinträchtigt und der Geldaufwand im Verhält-niss zu den eigentlichen Zwecken der Seefahrt dafür zu gross werden,wenn man die Vorkehrungen für die Kranken an Bord den Verhältnissenauf dem Lande überall möglichst ähnlich zu gestalten suchte?

Das Seeschiff ist eine kleine Welt für sich, in welcher eine mehroder weniger grosse Anzahl von Menschen zusammengedrängt auschliess-lich auf durchaus künstliche Einrichtungen zum Leben angewiesen ist.Abgesehen von dem Leben sehr reicher Leute auf einzelnen Privatfahr-zeugen und den Kajütspassagieren auf den modernen Schnelldampfern,müssen sich deshalb die Gesunden an Bord noch überall mehr oderweniger grossen Beschränkungen in ihrer Lebensführung unterwerfen.Trotz der Leistungen unserer so sehr vervollkommneten Schiffsbau- undGesundheitstechnik würde der Zweck der Schifffahrt in Frage gestelltwerden, wenn man überall für die Gesunden an Bord dieselben Normender Lebensführung verwirklichen wollte, die man zur Erhaltung der Ge-