Specielle Kranlcenversorgung für Unbemittelte. 249
gehen der Stadt Mainz, wo seit 1895 die Armenärzte mit der Wohnungs-inspection betraut sind, und wo seit dieser Zeit 29 gänzliche Wohnungs-verbote erlassen und in 41 Fällen die weitere Vermiethung an die Er-füllung gewisser Vorschriften geknüpft wurde.
Es ist bekannt, dass Morbidität und Mortalität in besonderem Maasseabhängig ist von der socialen Lage der verschiedenen Bevölkerungskreise,und dass sie hauptsächlich von der Dichtigkeit des Zusammenwohnens,von der Beschaffenheit der Wohnung und dem Zustande der Ernährungbeeinflusst wird. Nach Korosi stieg die Sterblichkeit von rund 20 p. m.auf je 10 000 Einwohner der wohlhabendsten Bezirke bis auf 36 p. m.in den ärmsten Bezirken Budapest's. Auch kann es als feststehend er-achtet werden, dass die mittlere Lebensdauer der ärmeren Bevölkerungganz erheblich unter diejenige der höheren Berufsstände sinkt; so be-rechnet Louis Noiret die Lebensdauer der ärmeren Klassen auf 37, dieder wohlhabenderen auf 57 Jahre, Berechnungen, bei denen indess derEinfluss der Beschäftigung ausser Berücksichtigung geblieben ist. Ganzbesonders sind es gewisse Infectionskrankheiten, die da, wo die Bevöl-kerung dicht gedrängt wohnt, häufiger auftreten und eine grössere Vor-bereitung verlangen, als unter den wohlhabenderen Bevölkerungsklassen.
Von einer Weiterentwickelung der Gemeinde-Statistik wird nichtzuletzt auch die Prognose und Therapie wie die Verhütung der Armuthden grössten Nutzen ziehen.
In besonders inniger Wechselbeziehung zur Armuth steht die Er-nährungsfrage, deren Ueberwachung mit Einschluss der Kinderernährung,dem Armenarzte ein weites Feld der Thätigkeit bietet, nicht blos inso-fern Krankheitsstörungen in Folge unzureichender, mangelhafter oderverdorbener Nahrungsmittel seine Hülfe erfordern, sondern auch in derRichtung, dass er alle auf die Beschaffung guter und billiger Nahrungs-mittel gerichteten privaten und Vereinsbestrebungen, mögen dieselbensich Oonsumvereine, Einkaufsgenossenschaften, Volksküchen oder sonstwie nennen, oder auf die Errichtung öffentlicher Schlachthäuser gerichtetseih, sowie alle auf die Hebung und Erweiterung hauswirthschaftlicherKenntnisse abzielenden Unternehmungen auf jede mögliche Weise fördernhilft. Auch auf dem Gebiet der Nahrungsmittelcontrole wird die Thätig-keit des Stadtarztes anregend und controlirend in erfolgreicher Weisesich geltend machen können.
Einer besonderen Ueberwachung bedürfen in Rücksicht auf die Er-nährung die Kost- und Haltekinder. Die Thatsache, dass die Häufigkeitder Darmkatarrhe mit zunehmender Dichtigkeit der Bevölkerung steigtund besonders in den Grossstädten eine ausserordentliche Höhe erreicht,deutet darauf hin, dass künstliche Ernährung und Wohnungsklima inursächlicher Beziehung zur Häufigkeit der Darmkatarrhe stehen. Wodaher auf die natürliche Säuglingsernährung aus physischen Gründen ver-zichtet werden muss, ist auf die Bereitstellung einer guten und billigenKindermilch Bedacht zu nehmen und sind desshalb alle hierauf gerichtetenBestrebungen zu fördern und zu unterstützen.