Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
Seite
216
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216 Roth,

Neuerdings ist auch die Kirche selber, die evangelische wie die ka-tholische, an eine Erneuerung der kirchlichen Armenpflege herangetre-ten. Auf der Eisenacher Kirchenconferenz im Jahre 1892 wurde diekirchliche Armenpflege als ein notwendiges Glied der gesammtenArmenpflege anerkannt, die, obwohl ein selbstständiges Glied, mit derbürgerlichen Armenpflege Hand in Hand gehen soll.

Neben der segensreichen Wirksamkeit der nach dem Vorgang vonFliedner, der die erste Diaconissenanstalt nebst Krankenhaus undLehrerinnen-Seminar zu Kaiserswerth ins Leben rief, innerhalb undausserhalb Deutschlands errichteten Diaconissenhäuser und der erfolg-reichen Thätigkeit der innern Mission und ihres bedeutendsten Vor-kämpfers Wieehern, der zu Hörn bei Hamburg einen A r erband evan-gelischer Diaconen bildete, die sich der Krankenpflege, der Stadtmissionund besonders auch der Irrenpflege widmeten, verdienen besondere Er-wähnung die nach dem Vorgang des Pastor Sülze in Dresden insLeben gerufenen Hausväterverbände, wie solche in Leipzig und Hanno-ver gebildet sind, und die es sich neben der Hebung des religiösen undsittlichen Lebens zur hauptsächlichsten Aufgabe gemacht haben, der Ar-muth, soweit sie durch die bürgerliche Armenpflege nicht erreicht wird,der sittlichen Verwahrlosung und der eingetretenen Krankheitsfälle an-zunehmen, und zwar in steter Fühlung mit der communalen Armenpflegeund der privaten Wohlthätigkcit. Für das katholische Deutschland istneuerdings in dem Oharitas-Verbande mit dem Sitz in Freiburg i. B. einebesondere Centralstelle geschaffen.

Die mit den Einrichtungen der Kirche aufs engste verbundene Ge-meinde-Diakonie zeigt in den westlichen Provinzen Preussens eine erheb-lich reichere Entfaltung, als in den östlichen. Katholische und evange-lische Schwestern wetteifern mit Diakonen und Ordensbrüdern, den Armenin Stadt und Land in Zeiten körperlicher Noth Hilfe zu bringen. Sowaren im Regierungsbezirk Trier im Jahre 1888 24 katholische Ordens-brüder, 338 katholische Ordensschwestern, 16 evangelische Krankenpflegerund 20 evangelische Diakonissen berufsmässig mit der Krankenpflege inStadt und Land beschäftigt, und im Regierungsbezirk Cöln waren bereitsim Jahre 1880 200 barmherzige Schwestern in der Gemeindepflege amdem Lande thätig. Von den übrigen deutschen Staaten sind es vorzugs-weise Württemberg, Sachsen und einige der kleineren mitteldeutschenStaaten, in denen die Gemeinde-Diakonie auch auf dem Lande bereitseine nennenswerthe Ausbreitung gewonnen hat. Indessen macht sichauch in den östlichen Provinzen Preussens nach dieser Richtung ein er-freulicher Fortschritt bemerklich.

Trotz der Zunahme der evangelischen sowohl wie der katholischenKrankenpflegerinnen erstere vermehrten sich von 1876 bis 1885 um131,8 pCt, letztere um 60 pCt. ist die Heranziehung weiterer Pflege-kräfte sowohl in der geschlossenen wie in der offenen Armenpflege eindringendes Bedürfniss. Nach wie vor muss deshalb die Förderung aller