Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
Seite
198
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198 Roth,

Wie sehr neben der Sorge für Reinlichkeit und zweckmässige Er-nährung tadellose Haus- und Gemeindeeinrichtungen auch im wirthschaft-lichen Interesse der Communen gelegen sind, zeigen die in einer Reihevon Städten (München, Danzig, Berlin u. a.) gemachten Erfahrungen. InBerlin ist die Mortalität in den letzten 15 Jahren um ca. 7 pM. zurück-gegangen, d. h. es starben im Jahre etwa 10000 Menschen weniger alsfrüher. Diese Zehntausend, die jährlich weniger sterben, repräsentireneinen volkswirthschaftlichen Gewinn von etwa 10 Millionen Mark. Rechnenwir, dass die hygienischen Werke, denen Berlin die Besserung seinerGesundheitsverhältnisse in erster Linie verdankt (Canalisation etc.) un-gefähr das dreifache gekostet haben, so hat sich das hierin angelegteKapital mit ungefähr 30 Procent verzinst. In der Armee ist die Mor-talität in den letzten 50 Jahren um 78 Procent, in den.letzten 20 Jahrenum 54 Procent zurückgegangen; es sind das ganz gewaltige Geldwerthe,die diese Zahlen repräsentiren und die auf p. p. 50 Millionen pro Jahrsich berechnen lassen. Die verheerendste aller Seuchen, die Tuberkulose,der in Preussen im erwerbsfähigen Alter jährlich etwa 70000 Menschenzum Opfer fallen, stellt einen volkswirthschaftlichen Verlust von ungefähr100 Millionen Mark alljährlich dar.

Nach der auf Grund der Beschlüsse des Bundesraths vom 24. Juni1884 erhobenen Armenstatistik wurden im Jahre 1885 in Deutschland3,40 pCt., in Preussen 3,37, in Elsass-Lothringen 4,70, in Bayern 2,80 pCt.der Bevölkerungszahl unterstützt. Die höchsten Ziffern zeigte Hamburgmit 9,66, Mecklenburg-Strelitz mit 8,12, Bremen mit 6,84 und Lübeckmit 6,14 pOt. Unterstützten; die niedrigsten Armenziffern hatten diemitteldeutschen Staaten Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Sondershausenund -Rudolstadt, demnächst Sachsen-Weimar und Sachsen-Meiningen mit1,77 bis 2,40 pCt,

Von den einzelnen Provinzen Preussens zeigte die höchste Zahl derUnterstützten der Stadtkreis Berlin mit 6,63 pCt., demnächst Ostpreussenmit 4,01 und Westpreussen mit 3,87 pCt. der Bevölkerungszahl; dieniedrigsten Armenziffern hatten Sachsen mit 2,40, Hannover mit 2,46und Brandenburg mit 2,65 pOt. der am 1. December 1885 ermitteltenBevölkerungsziffer.

Noch erheblichere Differenzen ergaben sich bei Vergleichung der ein-zelnen Bezirke unter einander. In Procenten der Bewohnerzahl von 1885wurden unterstützt im Regierungsbezirk Köslin 2,46, Stettin 3,35 undStralsund 5,12. Bei Beschränkung der Untersuchung auf die Seitens derOrtsarmenverbände unterstützten Personen betrugen die Ziffern 2,3, 3,31und 4,9 pCt. der am 1. December 1880 ortsanwesenden Bevölkerung,so dass der Regierungsbezirk Stralsund nächst dem Stadtkreis Berlin mit6,63 und dem Regierungsbezirk Danzig mit 5,16 pCt. die höchste Armen-ziffer aufweist; ihm schliessen sich an die drei rheinischen Bezirke Aachen,Köln und Düsseldorf, während die niedrigsten Armenziffern Trier mit1,96, Minden mit 1,97, Merseburg mit 2,02 und Kassel mit 2,10 pCt.aufweisen. Aehnliche Unterschiede in der Armenzahl der verschiedenen