Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
Seite
197
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Specielle Kränkenversoigung für Unbemittelte. 197

Gemeinden als Wirthschaftskörper nur unter besonders günstigen Ver-hältnissen zu lösen im Stande sein werden, um die Erziehung der unterenVolksklassen zu geregelter Thätigkeit und wirtschaftlicher Selbststän-digkeit und um die Ermöglichung einer gesundheitsgemässen Lebens-führung. Es ergiebt sich aber hieraus ferner, dass die Kenntniss derGrundsätze einer richtigen Armenverwaltung für jede Gemeinde immerunerlässlicher wird. Eine auf die Ermittlung der Arbeits- und Lohn-verhältnisse, die Armuthsursachen, die Ausgaben der offenen und ge-schlossenen Armenpflege gerichtete vergleichende Statistik ist hierzu dieerste Voraussetzung.

Als die auf der wirthschaftlichen Stufenleiter niedrigst stehendeSchicht der deutschen Bevölkerung, deren Lebenslage im Allgemeinenals die Grenze bezeichnet werden muss, wo die Armuth beginnt, dürftedie in gewissen Zweigen der Hausindustrie beschäftigte Arbeiterbevölke-rung zu erachten sein, wie die Handweber in Schlesien, im Eulengebirgeund Erzgebirge, die Strumpfwirker und Klöpplerinnen im Erzgebirge,die hausindustriellen Arbeiterinnen in der Wäsche- und Oonfectionsbranche.Eine solche Familie verdient zu ihrem Lebensunterhalt kaum mehr, alssie im Wege einer geordneten Armenpflege erhalten würde, wenn siearbeitslos wäre. Hausindustriell thätige Familien von 4 bis 6 Köpfenund einem Einkommen von 6 bis 7 Mark wöchentlich gehören im Erz-gebirge sowie in Schlesien keineswegs zu den Seltenheiten. Die Haupt-nahrung besteht in Mehlsuppe, Kartoffeln und Brot, dazu etwas Butteroder geschmolzenes Rinderfett; ausserdem Kaffee, Mager- oder Butter-milch. Gemüse, ausser dem sog. Kraut, ist selten, und dasselbe giltvom Fleisch, das am häufigsten noch als Hering auf den Tisch kommtBier und Branntwein werden in den schlechtesten Qualitäten getrunken.Wenn diese Leute auch im Allgemeinen gesund erscheinen, sind sie dochnur wenig widerstandsfähig und thatkräftig, .und es erklärt sich mithieraus die bekannte Thatsache, dass trotz allen Familienelends bis in diejüngste Zeit der Sohn immer wieder das traurige Gewerbe des Vaters fort-setzt, statt sich einem andern lebensfähigeren Erwerbszweige zuzuwenden.

Etwas höher auf der socialen Stufenleiter, als diese Hausindustriellen,steht der landwirtschaftliche Arbeiter, der jedoch in Zeiten der Nothund in Krankheitsfällen gleichfalls meist auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Aus dem Charakter der ländlichen Bevölkerung erklärt es sich, dassdie Armenfürsorge in den eigentlichen ländlichen Gemeinden vielfacheine harte und häufig eine rücksichtslose ist, abhängig in erster Linievon der Individualität des Gemeindevorstehers und seinem Verständnissfür die Aufgaben der Armenpflege. Diese grössere Härte führt direct zuphysischen und moralischen Missständen, wenn es sich um ErkrankungenOrtsarmer oder um die Fürsorge für Waisen oder verlassene Kinder oderendlich um Sieche und Gebrechliche handelt, aber sie führt auch indirectzu einer Schädigung der öffentlichen Gesundheit im Allgemeinen, indemsie alle diejenigen Factoren vernachlässigt, die Voraussetzung einer ge-sundheitsgemässen Lebensführung sind.