Specielle Kranliehversorgung für Schüler und Waisen. 157
er allemal 2. einen tüchtigen Gesellen im Waisenhause halten, welcherdaselbst schlafe und die Patienten insgesammt, sie mögen innerliche oderäusserliche Schäden haben, täglich 2- oder 3mal besuche, ihren Zustandwohl erwäge und 3. von aller Patienten Zustand alle Morgen, auch nachBeschaffenheit der Umstände des Abends, sowohl dem Arzte als demChirurgen Rapport abstatte und von diesem, wie er sich weiter zu ver-halten habe, Befehl einhole." Das Tagebuch aus den Jahren 1727 und28 enthält eine genaue Angabe der Zahl sämmtlicher Kranken im Hauseund zwar Tag für Tag; aber daraus lässt sich kein ganz sicheres Bilddes Gesundheitszustandes im Hause gewinnen, da auch von aussen krankeKinder „ins Haus recipirt" wurden; durch diesen Umstand wurde derohnehin selten günstige Gesundheitszustand der Kinder umsomehr ge-fährdet. Die tägliche Krankenziffer schwankt im Jahre 1727 bei einemBestände von 500—600 Insassen von 60—134, und es starben in jenemJahre 49, im Jahre 1728 sogar 102, ohne dass eine besondere Epidemiezur Zeit herrschte. Da die Kinder meist zu zweit in einem Bette schliefen,war die Krätze dauernd heimisch unter ihnen und konnte erst spät völligausgerottet werden. Sehr gut kann es demnach um die Krankenfür-sorge in jener Zeit trotz der Bestallung von Aerzten in den Waisen-häusern nicht ausgesehen haben. Aehnlich wie hier lautet auch ein Be-richt über ein Churfürstlich ['sächsisches Erzichungshaus'); dort war1740 der „Vestungs-medicus" Dr. Stapel mit einem monatlichen Trac-tament von 10 Thalern angestellt, und ihm untergeordnet der „mit einermonatlichen Pension von 5 Thalern verabschiedete Regiments FeldscherHeitemann, der blos freyes Quartier" erhielt. 1746 wurde ein italie-nischer Medico-chirurgus angestellt, der im Hause wohnte. Trotz dieserärztlichen Controlc wüthete unter den Zöglingen ausser Blattern undMasern Scorbut und fast alle Hautkrankheiten, besonders aber die Krätze(auch hier schliefen je 2 Kinder in einem Bette). „Diese Seuche (Krätze)nahm immer mehr überhand, lähmte die Glieder der damit behaftetenKinder, bewirkte Blödigkeit der Augen, Auszehrung und Verkrüppelung,und viele wurden dadurch, dass das Uebel zurücktrat, eine frühe Beutedes Todes. Vergeblich bemühten sich die Aerzte, jener Pest Einhalt zuthun, vergeblich wurden die damit Angesteckten öfters gebadet und vonihren Kameraden abgesondert, vergeblich benutzte man die Vorschlägeanderer Menschenfreunde, immer fanden sich wieder zahlreiche Kinder,die damit behaftet waren. Allein das konnte nicht anders werden, solange die Hauptquelle jenes Hebels nicht verstopft wurde. Dahin ge-hörte der erneute Gebrauch der nämlichen, oft gar nicht gehörig gerei-nigten Kleidungsstücke und Betten, der bey der engen Verbindung nichtganz zu verhütende Umgang der gesunden und kranken Kinder unter-einander — so sorgfältig man anfänglich auch darüber wachte —, derSamen, welchen viele Ankömmlinge mitbrachten und vornehmlich der
*) Weise, Geschichte des Churfürstlich -sächsischen Erziehungsinstituts fürSoldaltenkinder. Wittenberg 1803.