Specielle Krankenversorgung für Schüler und Waisen. 139
eingeschlagen. Es ist das aber als verfehlt anzusehen, da gerade fürSchwachsinnige der Zusammenhang mit anderen Kindern vortheilhaft undso durch gegenseitige An eiferung und Nachahmung manches zu erreichenist. Besonders aber ist dieser Privatunterricht aus dem Grunde zu ver-werfen, weil er, ausserhalb der Schulzeit ertheilt, gerade die Kinder nochmehr belastet, die im Gegentheile am meisten entlastet werden müssten.Derselbe Vorwurf trifft auch die Nachhilfeklassen, die an einzelnen Ortengebildet wurden. In Apolda 1 ) wurde 1877 eine solche Nachhilfeklasseeingerichtet, in welche 1. die von Natur schwachsinnigen, noch bildungs-fähigen Kinder aufgenommen werden, 2. solche schwach begabte Kinder,welche mit ihren Klassengenossen nicht hatten gleichen Schritt haltenkönnen nnd länger als 2 Jahre in einer Klasse der Volksschule ver-blieben waren, 3. die von ausserhalb zugezogenen Kinder, welche in ein-zelnen Fächern hinter ihren Klassengenossen zurückstanden und i. Kinder.die, durch lange und schwere Krankheit verhindert, ebenfalls zurückge-blieben waren. Es zeigte sich bald die Mangelhaftigkeit dieses Systems,und es wurden alle schwachsinnigen Kinder unter einem Lehrer als selb-ständige Abtheilung abgesondert. Das ist auch der Weg, den man jetztan allen Orten beschritten hat zum Besten der Volkschulen, die von Ele-menten, die sie hemmen, befreit werden, und zum Besten auch derSchwachsinnigen, welche so am zweckmässigsten gefördert werdenkönnen. In kleinen Orten allerdings, wo nur einzelne solcher Kindersich befinden, wird man diese privatim mindestens 6 Stunden in derWoche unterrichten lassen mit genügender Berücksichtigung der grösserenoder geringern Geistesschwäche, und zwar auf Kosten der Schulsocietätöder Kommune, sofern die Eltern oder Anhörigen ausser Stande sind,die erwachsenden Kosten aus eigenen Mitteln zu bestreiten oder wenig-stens theilweise zu übernehmen. Kuntz 2 ) meint: „An dem Unterricht inden technischen Fächern als: Schreiben, Zeichnen, Turnen, Handarbeiten,Singen könnten indess solche Schüler sich eventuell in der Volksschuleselbst betheiligen. Ich verspreche mir von solchen Maassnahmen einengrossen Gewinn und Segen für die Bemitleidenswerthen, welche ja ohneVerschulden von der Natur so arg vernachlässigt und gestraft sind, undzugleich auch einen nicht zu unterschätzenden Vortheil für den Lehrerund die normalen Schüler, die auf diese Weise in der Unterrichtsthätig-keit nicht gehemmt sind." Doch gilt dieses, wie gesagt, nur für kleinereStädte, in grösseren müssen Hilfsschulen gegründet werden, in denendie Kinder gemeinsam unterrichtet werden; man wird sich dabei nichtetwa auf eine Klasse beschränken dürfen, sondern muss, sobald nur dieAnzahl der Schwachsinnigen nicht zu gering ist, eine mehrstufige Schuleschaffen, welche den Kindern bis zu einem gewissen Grade eine ab-geschlossene Bildung zu gewähren im Stande ist. Das Ziel, das er-
x ) Reinke, 1. c. S. 81.
2 ) P. Kuntz, Die Behandlung schwachsinniger und Schwachbegabter Schul-kinder. Sammlung .pädagog. Vorträge. Bd. IX. Heft 4. 1897.