Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
Seite
138
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138 Feilchenfeld,

in ihrer Ecke bleiben, ein Spielball der Neckereien und Hänseleien ihrerMitschüler, welche unbarmherzig die Schwächen und die Unbeholfenheitder Zurückgesetzten zum Zielpunkte ihres Spottes machen. Sie werdenscheu, ziehen sich von den Kameraden und ihren Spielen zurück; leichtauch erliegen sie dabei den Verführungen böswilliger Altersgenossen, diesie zu mannigfachen Ungezogenheiten und auch schlechten Streichen an-reizen. Die Kinder bleiben Jahre lang in den unteren Klassen, werdendann später mehr ihrer Grösse als ihrer Leistungen wegen in eine höhereKlasse geschoben, die ihrem Wissen noch weniger entspricht. Auch imElternhause werden oft genug diese Kinder als minderwerthig schlechtbehandelt und dadurch in ihrem sittlichen Empfinden noch mehr geschä-digt. Dass diese Kinder nicht in die Volksschule gehören, wo nur fürdie geistig normalen Raum ist, hat man nun auch schon lange erkannt.Das, was man zur Abhilfe vorgeschlagen und auch an vielen Orten be-reits eingeführt hat, ist mannigfaltig. Am radicalsten ist die Forderung,alle diese Kinder in geschlossenen Anstalten unterzubringen, wo sie imVerkehr mit gleichgearteten Kameraden nicht den vielfachen Kränkungenausgesetzt sind, wie in anderer Umgebung; durch Unterricht, der ihrerAuffassungsfähigkeit angepasst ist, durch umfangreiche Pflege der Hand-fertigkeit, durch gemeinsame Spiele, gemeinsame Ausflüge gelingt es oft,den Kindern eine gute Heranbildung zum praktischen Leben zu gewähren.In Deutschland bestehen solche Anstalten kaum als selbständige Insti-tute; nur in den 44*Idiotenanstalten und Anstalten für Epileptiker wer-den derartige Kinder zuweilen untergebracht. In der Schweiz bestanden1895 3 öffentliche Anstalten im Kanton Zürich, 2 im Kanton Aargau,je eine in Basel, Bern, Waadt, Thurgau, Solotlmrn; in ihnen sind411 Kinder untergebracht. Auch in Nord-Amerika besteht seit langerZeit eine ganze Reihe derartiger Institute; nach Monroe 1 ) gab es 1896dort 18 Staatsanstalten für geistesschwache Kinder mit 152 Lehrern und5746 Kindern, und 10 Privatanstalten mit 33 Lehrern und 389 Kindern.

Wenn auch die Anstaltserziehung viel gutes zu leisten im Standeist, und wenn auch, wie bereits erwähnt, in vielen Familien die schwach-sinnigen Kinder keine liebevolle Behandlung gemessen, kann dennochnicht allgemein empfohlen werden, alle diese Kinder der Familie unddem Familienleben, der Fürsorge der Mutter zu entziehen; auch w r ärepraktisch die Ausführung aus materiellen Gründen kaum angängig. DieZahl der Volksschüler allein in Preussen betrug 5236826, bei nur 0,6 pCt.als Mindestzahl wären demnach mehr als 31000 schwachsinnige Kinderzu versorgen.

Das entgegengesetzte Extrem zeigt das Bestreben, die Kinder durchPrivatunterricht die Lücken ersetzen zu lassen, welche die Schule aus-zufüllen nicht im Stande war. Berlin z. B. hat diesen Weg Jahre lang

J ) "Will. S. Monroe, Die Fürsorge für die abnormen Kinder in den Vereinig-ten Staaten. Die Kinderfehler. Zeitschrift f. pädagogische Pathologie und Therapie1896. 1. Langensalza.