Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
Seite
137
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Specielle Krankenversorgung für Schüler und Waisen. 137

gabten ist schwierig, da einmal der Begriff des Schwachsinns und desSchwachbegabtseins nicht ein allgemein gleichmässig angenommener ist,und da ferner eine grosse Reihe hierhergehöriger Kinder gar nicht einge-schult wird und so auch der Zählung nicht zugänglich gemacht werdenkann. Die vorhandenen Angaben für Schwachsinnige schwanken von0,37 pCt. und in einzelnen Gegenden werden sogar noch weit höhereZahlen angegeben. Im Medicinalbezirke Marienberg (Sachsen) 1 ) fandensich unter 11959 Schulkindern 409 auffällig beschränkte; in Dortmundwurde die Zahl auf 0,20,3 pCt. angegeben, in Berlin 2 ) wurden 0,6 pOt.gefunden. In London wurden 1891 unter 6500 Schülern der öffentlichenSchulen 1 pCt. Schwachbegabte gefunden, in Norwegen 0,4 pCt.' InParis waren 1896 in 16 Knabenschulen 116 Schwachbegabte undUn-disciplinirte" in 15 Mädchenschulen 16. Kerr fand unter 10759 Schul-kindern 117 unzweifelhaft Geistesschwache, also über 1 pCt., Stötznerin Leipzig im Jahre 1865 unter 10000 Schulkindern 50, also 0,5 pOt.Das eidgenössische statistische Bureau hat 1897 eine Zählung der inschulpflichtigem Alter stehenden schwachsinnigen, körperlich gebrechlichenund sittlich verwahrlosten Kinder vorgenommen und fand von 463 548Elementarschülern 13155 mit irgend welchen geistigen Mängeln behaftet,wovon aber 7667 noch der geistigen Entwickelung fähig sind.

Wenn wir uns nun fragen, was mit allen diesen Kindern geschehensoll, so werden wir zunächst die wirklichen Idioten unbedingt aus derSchule entfernen müssen und in geschlossenen Anstalten unterbringen;nur dort ist es möglich, sie bis zu einem gewissen Grade zu erziehenund ihnen einige mechanische Fertigkeiten beizubringen. Auch die inhöherem Grade Schwachsinnigen sind am besten in sachverständig ge-leiteten Pflegeanstalten aufgehoben, wo sie vor den üblen Einflüssen desHauses, vor den schädlichen Einwirkungen einer unverständigen, oft übel-wollenden Umgebung geschützt und zu einfachen Arbeiten im Hause, imGarten, auf dem Lande u. s. w. angehalten werden können.

Schwieriger liegt die Frage bei der sehr grossen Anzahl der übrigenSchwachsinnigen in unseren Volksschulen. Wenn auch im Beginne dergewissenhafte Lehrer immer wieder das Kind heranzuziehen sucht, undihm besondere Aufmerksamkeit widmet, wird er doch bald durch denausbleibenden Erfolg von dieser Mühe zurückgeschreckt; denn bald wiixler sich dessen bewusst, dass er zu Unrecht die Zeit den anderen Schü-lern entzieht, und gar zu reichlich ist diese Zeit ja unseren Lehrernnicht zugemessen, denn durchschnittlich entfielen in Preussen 189657 Schüler für jede Unterrichtsklasse und gerade in den ärmeren Di-strikten, welche vornehmlich eine grosse Zahl von Schwachsinnigen auf-weisen, beträgt die Zahl oft genug über 80. So kommt es schnell dazu,dass die unglücklichen Kinder ganz vernachlässigt und unberücksichtigt

: ) 27. Jahresbericht des Landesmedicinalcollegiums über das Medicinalwesenim Königreich Sachsen auf das Jahr 1895.2 ) 1. c.