Druckschrift 
2,2 (1903)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Speeielle Krankenversorgung.

IL Für Gefangene.

VonDr. Pfleger in Plötzensee (Berlin).

Bei der Kranken fürsorge in den Gefängnissen sind zwei Gesichts-punkte im Auge zu behalten, dass der Erkrankte nicht nur Kranker,sondern auch Gefangener ist. Einerseits ist in erster Linie darauf Rück-sicht zu nehmen, dass die Aufgaben des Strafvollzuges, insbesonderesichere Verwahrung und Aufrechterhaltung der Disciplin, bei der Kran-kenbehandlung keine Störung erleiden; auf der anderen Seite muss abertrotz dieser Rücksichtnahme die Fürsorge für die Kranken derartig ein-gerichtet sein, dass ihre Pflege und Behandlung den Erfahrungen derNeuzeit entspricht und ihnen das zur Erhaltung und Wiedererlangungder Gesundheit Nothwendige in ausreichendem Maasse gewcährt wird.

In den Gefängnissen der früheren Zeit bis in unser Jahrhundert hineinlag die Fürsorge für die Gefangenen überhaupt sehr im Argen. Mangel anjeder Gesundheitspflege, Mangel an frischer Luft, an Licht und Wärme,Ueberfüllung der Detentionsräume, in denen die Gefangenen oft ohneUnterschied des Alters und Geschlechts zusammengepfercht liegen mussten,Verpestung dei'sclben durch Effluvien aller Art, Schmutz und Unrein -lichkeit, dazu eine elende Ernährung, also Mangel an so ziemlich Allem,was zur Erhaltung des Lebens und der Gesundheit nothwendig ist, übteverheerende Wirkungen auf Leben und Gesundheit der Gefangenen aus,so dass früher eine Verurtheilung zu einer längeren Freiheitsstrafe fasteinem Todesurtheil gleich kam.

Es ist deshalb auch sehr begreiflich, dass Erkrankungen und Todes-fälle unter den Gefangenen in der früheren Zeit sehr zahlreiche waren.

Diese elenden Zustände in den Gefängnissen erzeugten eine Reihevon ganz speeifischen Gefängnisskrankheiten, unter denen insbesonderetyphöse Erkrankungen aller Art, unter dem Namen desKerker-fiebers" zusammengefasst, die hervorragendste Rolle spielten. Durchihre leichte Uebertragbarkcit verbreiteten sie sich nicht nur unter den