Druckschrift 
2,1 (1902)
Entstehung
Seite
1068
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1068 Dietrich

Seit einer Reihe von Jahren herrscht im hiesigen Bezirke, namentlichunter der ländlichen Bevölkerung die sogenannte contagiöse, d. h. ansteckendeAugenkrankheit. Diese Krankheit kann ein oder beide Augen belallen, findetsich sowohl vereinzelt hie und da bei einer Person, als auch gruppenweisebei mehreren Mitgliedern einer Familie, eines Hauses oder Gehöftes, in Schulen,Erziehungsanstalten oder beim Militär. Das Leiden tritt entweder schleichend aufund kann jahrelang bestehen, ohne Schmerzen oder sonstige erhebliche Beschwerdenzu verursachen. Die Kranken klagen in diesen Fällen Anfangs nur über Spannungund Schwere in den Augenlidern, die Augen thränen bei der Arbeit und sind nachdem Schlafe meist verklebt. Erst später nach Monaten oder Jahren stellen sich er-hebliche Störungen beim Sehen ein, die allmählich zur vollständigen Erblindungführen können. In einer anderen Reihe von Fällen tritt das Leiden gleich im Beginnheftig auf. Unter Schmerzen schwellen die Augenlider an, werden roth und empfind-lich, aus der Augenlidspalte quillt eitrige und blutig wässerige Flüssigkeit hervor.In sehr heftigen Fällen kann schon in wenigen Tagen Erblindung eintreten, in ande-ren weniger heftigen Fällen dieser Art können die Erscheinungen sich wieder zurück-bilden öder sind überhaupt in etwas milderem Grade vorhanden und das Leiden ver-läuft später wieder mehr schleichend unter dem Bilde der geschilderten ersten Gruppe.Anfangs sind nur die Lider ergriffen und die im gesunden Auge weiss erscheinendenTheile des Augapfels, später auch die durchsichtigen Theile des letzteren. Die Rück-fläche der Lider zeigt fast in allen Fällen eine rauhe Beschaffenheit.

Das wichtigste Merkmal der Krankheit ist die Uebertragbarkeit derselben von einerPerson auf die andere, daher der Namecontagiöse oder ansteckende Augenkrankheit".Diese Uebertragung geschieht häufig dadurch, dass gesunde Personen mit den von derKrankheitBehafteten in engerBerührung leben, in einemZimmer oder gar in einem Bettemit einander schlafen, dasselbe Wasser, Geschirr oder Handtuch zum Reinigen des Ge-sichts und der Hände brauchen oder auf andere Weise Absonderung des erkranktenAuges auf ihr gesundes Auge übertragen. Am leichtesten und daher am häufigstenwerden solche Augen von der Krankheit ergriffen, die sich bereits in einem entzünd-lichen oder gereizten Zustande befinden. Diese Erfahrung ist sehr wichtig, geradefür den hiesigen Bezirk, in welchem eine grosse Zahl dieser leichten und wenig Be-schwerden verursachenden Augenkrankheiten namentlich unter der ländlichen Be-völkerung beständig vorkommt. Der Aufenthalt in engen, überfüllten und schlechtgelüfteten Räumen, unsaubere Körperhaltung, Arbeiten in staubiger Luft (Pferde-putzen, Dreschen, Pflügen, Eggen u. s. w.) erzeugen sehr leicht diese Reizzuständedes Auges, welche oft jahrelang bestehen und immer den ergiebigsten Boden für dieEntwickelung des ansteckenden Augenkrankheiten darbieten.

Zur Vorbeugung oder Bekämpfung der letzteren ist es daher nothwendig:

1. durch Reinlichkeit des Körpers, fleissigesWaschen, namentlich nach Arbeitenin staubiger Luft, durch fleissiges Lüften und Reinhalten der Wohn- und Schlaf-stuben, das Auge vor Reiz und Erkrankung überhaupt zu schützen,

2. jede enge Berührung mit einer an ansteckender Augenkrankheit leidendenPerson zu vermeiden, namentlich:

a) nicht mit ihr in einer Stube oder gar in einem Bette zu übernachten,

b) nicht dasselbe Waschwasser, Geschirr oder Handtuch zu gebrauchen,

c) oder auf andere Weise Absonderung aus dem erkrankten Auge auf einanderes gesundes Auge zu übertragen.

Sehr wichtig ist:

3. dass jeder Fall von ansteckender Augenkrankheit so schnell als möglich ärztlichbehandelt wird. Es wird hierdurch in vielen Fällen nicht blos der Erblindung vor-