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fälle überhaupt erforderlich, oder im humanen Interesse geboten ist, lassen wir dahin-gestellt, können aber, falls das factische Bedürfniss für derartige Maassnahmen nach-gewiesen würde, niemals verstehen, wie diesem durch das Heranziehen Unberufenerentsprochen werden sollte.
Jeder, auch der geringste Eingriff in Leben und Gesundheit eines Menschenschliesst stets eine so ernste Verantwortung in sich, dass eben nur der Arzt dieselbetragen kann, und es erscheint absolut unstatthaft, dem Nichtarzt in dieser Beziehuno-Obliegenheiten aufzuerlegen, deren Erfüllung selbst in den einfachsten hierher gehö-rigen Fällen doch immer mehr Umsicht und positives Wissen erfordert, als füglichdurch die Ausbildung in einer Samariterschule zu erlangen ist. — Halbwisserei iststets gefährlich, nirgends aber so gefährlich, wie auf dem Gebiete der Medicin. Siegeht so gern mit Ueberschäizung des eigenen Könnens einher und wird in vor-liegendem Falle dieses um so gewisser thun, als hier ein Schein officieller Berechti-gung dem Betreffenden verliehen wird. Er hat seine Befähigung durch ein Examenbewiesen und ein Diplom erhalten, welches der Welt und ihm selber gewissermaassenBürgschaft für die erworbene Tüchtigkeit zu leisten scheint. Selbst Diejenigen,welche in aufrichtiger Hingabe für den ideellen Zweck der Sache sich durch denUnterricht in der Samariterschule einige höchst dürftige Kenntnisse, sowie eine dochstets nur sehr unbedeutende manuelle Geschicklichkeit im Anlegen einzelner Verbändeangeeignet haben, werden, um von den erlangten Fertigkeiten Gebrauch zu machen,sich keineswegs streng an diejenigen Vorkommnisse gebunden erachten, welche alleinbei Begründung der Samariterschulen ins Auge gefasst wurden, sondern geflissentlichGelegenheit aufsuchen, um ihre Künste zu erproben. Sie werden, ohne die Unrichtig-keit ikres Handelns zu empfinden, thatsächlich nur der Ausübung der Pfuschereisich hingeben. Neben ihnen werden alsbald aber auch unlautere Elemente sich andas Samariterthum anhängen, um ungestraft unter dem Deckmantel der christlichenLiebe ihre selbstsüchtigen Zwecke zu verfolgen. Es wird nicht lange währen, ja esist sogar bereits ein derartiger Fall zu unserer Kenntniss gelangt, und man wirdSchilder öffentlich angebracht finden, die mit dem rothen Kreuz versehen sind, undAufschriften führen, wie „N. N., geprüfter Samariter" etc. „Erste Hülfe bei plötz-lichen Unglücksfällen" etc.
Auf diese Weise wird ganz unausbleiblich aus dem Samariterthum sich schliess-lich nur eine neue Vermehrung des leider schon so üppig gediehenen Pfuscherwesensergeben, sowohl des gutgemeinten, deshalb aber nicht weniger bedenklichen, welchesaus beklagenswerthem Selbstbetrug, als auch desjenigen, welches lediglich ausgemeiner Gewinnsucht und betrügerischen Absichten hervorgeht. Anstatt Förderungdes öffentlichen Wohles wird das Samariterthum eine schwere Schädigung desselbenbedingen. Euer Hochwohlgeboren dürfte Nichts ferner liegen, als derartigen UebelnVorschub leisten zu wollen, und hoffen wir, da wir annehmen können, dass selbstbei Fortbestehen der Samariterschulen an sich, dennoch jeder Grund zur Besorgnissschwände, sobald nur von der Ablegung eines Examens, sowie von Ertheilung einerBescheinigung über den Ausfall dieser Prüfung Abstand genommen würde, dass EuerHochwohlgeboren sich veranlasst finden werden, die zur Zeit bei den Samariterschulenstatutenmässig bestehenden Einrichtungen in der entsprechenden Weise abzuändern.
Berlin, 6. Juni 1882.
Der Central-Ausschuss der Berliner ärztlichen Bezirksvereine.Der stellvertr. Vorsitzendegez. Dr. Veit, Geh. San.-llath, Matthäik.-Str. 5.An den Geheimen Medicinal-Rath Herrn Dr. Esmarch.Hochwohlgeboren. Kiel.