Fürsorge auf dem Gebiete des Rettungswesens. 585
nach dieser Richtung social, denn die Curpfuscherei ist ein sociales Uebel,als welches es auch im Bericht über „das Sanitätswesen des PreussischenStaates 1892/94" anerkannt ist.
Es- möge hier hervorgehoben werden, dass einige Zeit der Grundsatzbestand, dass es für Aerzte nicht passend sei, Unterricht in der erstenHülfe oder überhaupt über Fragen der Gesundheitslehre zu ertheilen. Esist als ein grosser Portschritt anzusehen, dass diese Ansicht heute nichtmehr — bei der Mehrzahl der Aerzte — besteht. Man warf ferner denAerzten, welche solche Unterweisungen mit Aufwand vieler Zeit undauch bisweilen von erheblichen Kosten bewerkstelligten, vor, dass diesvon den Einzelnen geschehe, um sich im Publikum bekannt zu machenund dadurch persönliche Vortheile zu geniessen. Man kann wohl sagen,dass heute kaum noch ein Arzt dieser Ansicht zuneigt, und dass esnicht mehr als Streberthum angesehen wird, wenn Aerzte sich in ersterStelle mit diesen Unterweisungen beschäftigen und sie nicht mehr denLaien überlassen. Man ist sogar schon so weit jetzt gelangt anzuer-kennen, dass es Sache der Aerzte ist, diese Curse zu ertheilen. Es darfnatürlich dabei nicht über ärztliche Behandlung von Erkrankungszu-ständen gesprochen werden, sondern nur über diejenigen Dinge, welcheder Nothhelfer auszuüben hat, abgesehen von der hauptsächlichstenUnterweisung über diejenigen Dinge, welche er zu unterlassen hat, welchedie wichtigste Darlegung für den Unterricht, wie oben bemerkt, darstellt.Ich gehe aber noch weiter und behaupte, dass, wie ich in meiner 1900erschienenen Schrift „Die sociale Bedeutung der Medicin" auseinander-gesetzt, heute jeder Arzt sogar die Pflicht hat, nach Maassgabe seinersonstigen Verhältnisse sich an der Aufklärung des Volkes über die Er-rungenschaften auf dem Gebiete der Naturwissenschaften — in der ge-schilderten Weise — zu betheiligen. Diese Pflicht erwächst ihm um somehr, als sonst Curpfuscher dieses Amt für sich in Anspruch nehmenund dadurch für sich und die von ihnen vertretenen Anschauungenwirken. Das vornehme Hinwegsehen über diese Aufgaben des ärztlichenStandes ist im Interesse der Allgemeinheit — und der Aerzte selbst —ein grosser Fehler. Die Allgemeinheit hat nur Vcrtheil davon, wenn dieberufenenen Lehrer auf dem Gebiete der Heilkunde, die Aerzte selbst,sie in allen denjenigen Dingen und Verhältnissen unterweisen, welche fürsie wichtig sind.
Die einzelnen Aerzte und auch ihre Gesammtheit ist nicht im Stande,sich dem mächtigen Drange der Zeit nach Aufklärung über naturwissen-schaftliche Fragen entgegenzustellen. Daher ist es viel zweckmässiger,diese Bewegung sorgsam zu überwachen, überall dabei den ärztlichenEinfluss geltend zu machen und einzusetzen und dieselbe zum Nutzenund Segen der Betheiligten, des Publikums und der Aerzte, in richtigeBahnen zu lenken und darin zu erhalten.
Aus den oben wiedergegebenen Worten, welche vor mehr als hundertJahren Zar da niederschrieb, ist zu ersehen, dass damals die gleichen Vor-