Fürsorge auf dem Gebiete des Rettungswesens. 523
alte Gewohnheit, im Wasser verunglückte Personen auf den Kopf zu stellen, oderüber Fässer zu rollen, womit gemeiniglich die Hülfleistung anfanget, ist von denbesten Aertzten gefährlich, wenigstens nicht nothwendig gefunden worden. Man musssie also durchaus vermeiden. Vielmehr wird der scheinbar Todte ohne Verzug in dasnächste Haus gebracht. Ist ein Fuhrwerk zu erlangen; so muss man Stroh, Matten,oder sonst etwas weiches unterbreiten. Man trage auch bey der Fortbringung, sieo-eschehe nun auf welche Art sie wolle, Sorge, dass der Kopf nicht niederhange, son-dern etwas erhöhet und seitwärts geleget werde. Dass das Fuhrwerk langsam fahrenmüsse, verstehet sich von selbst.
2. Wenn man an einem bequemen Orte angelanget ist; so wird der Ver-unglückte in ein nicht warmes Gemach gebracht, gantz entkleidet, überall mit trocknen,wenn es seyn kan, gewärmton Tüchern gerieben, und in ein Bette, oder sonst auf einweiches Lager, wie man es haben kan, geleget, und mit leichten gewärmten Betten,oder oft gewärmten anderen Decken bis an das Gesichte bedecket, oder auch mitwarmer Asche, warmen Salze, oder gewärmten Sande, bis an den Hals so dick alsimmer möglich bestreuet. Man reibe ihm die Hände, die Füsse und den Kücken, mitwarmen Tüchern, (am besten mit rauhen wollenen) allenfalls auch mit einer weichenBürste, drücke und bewege auf eine gelinde Art mit gewärmten Händen den Unter-leib, besonders gegen die Herz-Grube zu.; und fahre mit diesem Reiben eine langeZeit fort.
3. Wenn ein Wundartzt zugegen ist; so wird er nicht ermangeln, sogleicheine Ader zu schlagen, und zwar die Drossel-Ader am Halse, weil diese Ader insolchen Fällen noch am leichtesten Blut giebet. Ist kein Wundartzt zu erlangen,oder ist kein Blut gekommen; so fähret man doch mit den anderen Hülfs-Mitteln fort.Im letzten Falle aber, (wenn kein Blut gekommen) muss beständig jemand nach derOeffnung der Ader sehen. Denn die Erfahrung hat gelehret, dass während der fort-gesetzten Cur das Blut zu fliessen anfanget; und dessen Verlust könnte dem Krankengefährlich werden, wenn niemand Acht darauf hätte.
4. Ferner muss man, ohne jedoch mit dem Reiben nachzulassen, bemühetseyn, warme Luft in die Lunge zu bringen. Dieses geschiehet am kurtzesten, wennein gesunder starker Mensch seinen Mund auf den Mund des scheinbar Todten leget,und ihm zu wiederholten mahlen mit Nachdruck viel Luft einbläset; wobey aber demKranken die Nase zugehalten werden muss, damit die Luft desto gewisser in dieLunge dringe. Will dieses niemand thun; so kan man einen Blasebalg oder sonsteine vorhandene Röhre brauchen. Die Oeffnung der Röhre wird mit nasser Leinwandumwunden. Wenn sie in den Mund des Kranken gebracht ist, drückt ein Mensch dieLippen desselben ringsum festdaran, und ein anderer bewegt den Blasebalg einpaar mahl langsam auf und nieder, oder blaset langsam, doch mit Nachdruck, in dieRöhre. Man kan auch Tobacks-Rauch in den Mund einblasen; um die Lunge zureitzen. Bey allen diesen Versuchen muss die Nase des Kranken fest zugehaltenwerden.
5. Zu gleicher Zeit muss man dem Kranken, so viel Tobacks-Rauch als mög-lich durch den Mastdarm in den Unterleib treiben. Es sind zu diesen sogenanntenTobacks-Clystiren eigene bequeme Instrumente erfunden worden. Doch kann dieSache auch kürtzer bewerkstelliget werden, auf zweyerley Art: Man bestreicht dasEnde eines Pfeiffen-Rohrs mit Oehl, und bringet es in den Mastdarm des Kranken.Das andere Ende nimmt ein Mensch in den Mund, welcher zugleich aus einer anderenPfeiffe starck Toback raucht. Den aus dieser gezogenen Rauch nun blaset er in jenesRohr, und treibet solehergestallt so viel Rauch als er nur immer kan, in den Unter-leib des Kranken. Oder man zündet zwey Pfeiffen an, hält die Köpfe fest zusammen,