Druckschrift 
2,1 (1902)
Entstehung
Seite
294
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294 P. Jacobsohn,

Lebenszweck zu suchen, denn sonst könnte es sich leicht ereignen, dasser sein Lebtag weder ein guter Arzt noch ein guter Krankenpflegerwerden wird. Eine Ueberlastung der Lehrpfleger und Lehrpflegerinnenmit dem Ballast eines medicinischen Halbwissens würde sie unfehlbarverwirren und von dem für sie wirklich Wichtigen und Notwendigenablenken; ferner aber ist auch der Schaden zu bedenken, welcher denKranken selbst durch unzweckmässige Maassnahmen, die einem unzu-reichenden Sachverständniss seitens des seinen Verantwortungsbereichüberschreitenden Pflegepersonals entspringen, zugefügt werden kann. Undschliesslich giebt es gerade auf medicinischem Gebiete bereits Pfuscherund Stümper aller Art genug. AVie wichtig es indessen ist,- dass dieKrankenpflegepersonen eine zutreffende Vorstellung von dem Aufbau desKörpers und dem Ablauf der hauptsächlichsten Lebensfunctionen beimgesunden Menschen gewinnen, zeigt folgendes Beispiel. Es ist eine auf-fallende, aber durch reichliche Erfahrung bekräftigte Thatsache, dassausserordentlich viele Menschen — auch in den Kreisen „gebildeterDamen" findet man solche nicht selten •— sich in ihrem Leben niemalsdie Mühe genommen haben, sich über Begriffe wie „Hals, Kehle, Schlund,Rachen" klar zu werden, welche Worte häufig in völlig gleichbedeuten-dem Sinne angewendet werden. Der Hals erscheint diesen Unkundigenvielfach als ein mehr oder weniger weites Rohr, durch welches Luft,Flüssigkeiten, Speisen, bunt durch einander dem Körper einverleibtwerden. Von den so wichtigen Beziehungen der Luftröhre und derSpeiseröhre zu einander und von deren anatomischer Lage finden siehoft kaum die Spuren einer richtigen Vorstellung. Und wie unerlässlichund nothwendig ist eine zutreffende Anschauung über die diesbezüglichentopographisch-anatomischen Verhältnisse für die Krankenpflegepersonenz. B. bei der Ernährung schwerkranker und benommener Personen oderbei den Anforderungen einer Narcose! Beim Unterricht in der Ana-tomie wird es sich daher hauptsächlich darum handeln, zunächstein Bild von dem gröberen Aufbau des Körpers nach seinen äusserenFormen zu geben und dann eine Beschreibung der einzelnen Körper-höhlen und ihres Inhaltes anzuschliessen. Schliesslich bilden dieverschiedenen Organsysteme, im Zusammenhange nach der physio-logischen Bedeutung betrachtet, einen Gegenstand des Unterrichts,an den sich die fundamentale physiologische Belehrung ungezwungenanschliesst. Das Pflegepersonal soll im Stande sein, mit Genauigkeitdie Stelle zu bezeichnen, wo z. B. der Magen,: die Nieren oder dieBlase liegt; über das Verhältniss der Luftröhre zur Lunge, über dieHarnseceretion und Aehnliches müssen klare Anschauungen vermitteltwerden. Richtige Vorstellungen vom Knochenbau des Körpers, von. derVerbindung der Knochen mit einander, den Beziehungen zu Muskelnund Gelenken sind gerade für die Krankenpflege sehr wesentlichz. B. bei Knochenbrüchen und Verrenkungen, wo dem Kranken vieleSchmerzen erspart werden können, wenn der erste Verband undder Transport des Verletzten von sachkundiger Hand ausgeführt wird.