Fürsorge auf dem Gebiete des Krankenpflege-Unterrichts. 293
zu rechnen, dass die sich der Krankenpflege widmenden Personen, wennsie in die Lehr-Zeit eintreten, von dem groben anatomischen Aufbaudes menschlichen Körpers und den wichtigsten Lebensfunctionen dessel-ben entweder gar keine oder doch nur sehr mangelhafte und vielfachirrige Vorstellungen haben, gleichviel ob sie aus einfachen oder gebil-deteren Kreisen stammen. Der Grund hierfür liegt darin, dass demElementar-Unterricht in der Anatomie und Physiologie in den öffentlichenSchulanstalten häufig noch keine hinreichende Beachtung zu Theil wird,und man bisweilen noch der unzutreffenden Ansicht begegnet, dass natur-wissenschaftliche Kenntnisse kein notwendiger Bestandtheil der allge-meinen Bildung seien. Ist es aber schon sehr zu beklagen, insbesondereauch vom ärztlichen und hygienischen Standpunkte, wenn die Jugendheranwächst, ohne mit den für die Erhaltung der Gesundheit nothwen-digsten Vorkenntnissen in der Anatomie, Physiologie und Hygiene ausge-rüstet zu werden, so ist für diejenigen Personen, welche durch ihrenkünftigen Beruf in die Lage versetzt werden, dauernd zu krankenMenschen in Beziehung zu treten, eine elementare medicinisch-natur-wissenschaftliche Vorbildung ein unabweisbares Bedürfniss und in keinerWeise zu umgehen. Eine diesbezügliche Unterweisung gehört demnach zuden nothwendigen Aufgaben des theoretischen Unterrichts in allen Kranken-pflege-Schulen. 'Aber es erscheint andererseits geboten zu betonen, dass,so nothwendig ein derartiger elementarer wissenschaftlicher Unterricht inder Anatomie, Physiologie, allgemeinen Symptomatologie etc. für die an-gehenden Krankenpflegepersonen ist, es doch als unrichtig bezeichnetwerden müsste, wollte man sich bei der Unterweisung in diesen Hilfs-fächern nicht auf die Vorführung der wirklich fundamentalen Thatsachenund des zu einer gedeihlichen Ausübung der personellen Krankenwartungunbedingt Erforderlichen beschränken, sondern einen besonderen Ehrgeizdarin suchen, vor den Schülern und Schülerinnen eine möglichst grosseSumme medicinischer Weisheit auszukramen und ihnen eine Fülle ver-wirrender, halb verstandener und für die erfolgreiche Bethätigung imKrankenpflegeberuf überflüssiger medicinischer Brocken einzudrillen, blosum hernach mit dem hohen Wissensstandpunkt der Schüler glänzen zukönnen. Die mannigfachen erheblichen Nachtheile einer das Ziel über-holenden Ueberausbildung der Krankenpflegepersonen in medicinischenDingen würden sich bald deutlich zeigen. Eine Pflegeperson, welchedie Ueberzeugung gewonnen hat, dass sie „etwas von der Medicin ver-steht", wird in demselben Augenblicke für die Ausübung ihres eigent-lichen Berufes ungeeignet; denn diese Ueberzeugung wird sie leicht dazuveranlassen, in ärztlichen Fragen mitsprechen zu wollen und damit dieihr zukommenden Befugnisse zu überschreiten. Wenn jemand in sichden Drang fühlt und sich die nöthigen intellectuellen Fähigkeiten zu-traut, sieh ein ausgebreiteteres medicinisches Wissen anzueignen, so wäredem Betreffenden eher anzurathen, sich auf ein ordnungsgemässes Stu-dium der Heilkunde zu verlegen und den Eintritt in den ärztlichen Berufzu erstreben, als in der practischen Ausübung der Krankenpflege seinen