Druckschrift 
2,1 (1902)
Entstehung
Seite
276
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276 P. Jacobsolin,

wissenschaftlichen Krankenpflege gewidmet und ist in Wort und Schriftmit grosser Consequenz dafür eingetreten, diesem umfangreichen Gebieteeine gleichberechtigte Stellung mit den anderen medicinischen Special-disciplinen zu erobern und die allgemeine Anerkennung der Kranken-pflege in dem von ihm vertretenen Sinne als eines besonderen wissen-schaftlichen Faches zu erreichen. Von seinen diesbezüglichen Schriftenist besonders der VortragKrankenpflege und speeifische Therapie"(1895) hervorzuheben, in welchem er mit grossem Geschick die erheb-lichen therapeutischen Leistungen, welche die wissenschaftliche Kranken-pflege zu bieten vermag, denjenigen Heilbestrebungen gegenüber, welchefür jede Krankheit ein speeifisches Heilmittel suchen, auseinandersetzteund vertheidigte.Gegen die Krankheit dem Kranken stets ein Mittelzu geben, vermag die Medicin nicht; aber einem einzelnen Kranken dieAnpassung an seine veränderten Lebensbedingungen zu erleichtern undzu ermöglichen, das kann sie wohl. Wenn jemand einen Herzfehler hatoder eine chronische Nierenentzündung, so kommt es nicht sowohl dar-auf an die Herzklappen wieder ganz zu machen oder die Veränderungenim Nierengewebe zu beseitigen, sondern darauf den ganzen Organismusdes Kranken so zu beeinflussen, dass trotz seiner nicht intaoten Klappenund trotz seiner Nicrenläsion die Functionen in ihm sich mit der grösst-möglichon Annäherung an die Norm abspielen. Das schöne, und vorAllem einer jeden Anforderung an die medicinische Wissenschaft durch-aus Genüge leistende Resultat solchen Bestrebens wird dann sein, dassdor Kranke den gleichen Lebcnsgcnuss und die gleiche Lebensfähigkeit,wenn möglich bis zum natürlichen Abschlüsse des Daseins, beibehält,wie wenn seine Organe normal funetionirten. Es wäre ja auch geradezuabsurd, von einer speeifischen Heilung der Herzklappenfehler oder derNierenentzündungen zu sprechen; und die Infectionen bilden doch nureinen kleinen Theil aller Krankheiten. Hier erwächst der Medicin diegrosse und umfassende Aufgabe der Krankenpflege. Und weil sie ebenkeine Krankheiten kennt, sondern nur Kranke, hat sie in jedem Falle,immer wieder aufs Neue und immer wieder als ein neues Problem,zunächst die Arbeitsleistung und die Functionsfähigkeit des betreffendenOrganismus und seiner einzelnen Theile festzustellen und kennen zulernen, um einen klaren Einblick gerade in die abweichenden Leistungenund die aussergewöhnliche Thätigkeit dieses kranken Körpers zu ge-winnen. Denn jeder Mensch, gesund oder krank, ist in seinen Functio-nen das Product der sämmtlichen auf ihn einwirkenden Einflüsse seinerUmgebung, und krank ist er eben nur dann, wenn die ungünstigen Ein-flüsse bei ihm präponderiren. Der Krankenpflege erwächst daher diePflicht, den Kranken aus seinem bisherigen Milieu herauszunehmen,dessen einzelne, einseitige Factoren sie nicht kennt, und ihn dafür unterBedingungen zu bringen, welche bis in die kleinsten Details der ge-sammten Lebensweise bekannt und in ihren Einwirkungen auf ihn ver-folgbar sind. Die vielen Imponderabilien der Krankenpflege, bisher derwissenschaftlichen Analyse noch nicht zugeführt, wiegen gar gewichtig,